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Missbrauch und Gewalt: Experten rechnen mit weiteren Fällen

Johannes Loy

Münster - Der Pädagoge Prof. Christian Schrapper (Koblenz) rechnet mit weiteren Enthüllungen über Missbrauch und Gewalt in deutschen Internaten, Schulen und Heimen. Nichts spreche dafür, dass das Ende schon in Sicht sei, sagte er am Rande eines Vortrags über Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren im Franz-Hitze-Haus in Münster.

Den jetzt aufgedeckten Missbrauchsfall aus dem Vinzenzheim in Münster-Handorf bezeichnete er als einen „klassischen Aufschlag“ für weitere Enthüllungen. Häufig meldeten sich Menschen am Ende ihrer Erwerbsbiografie, zumal durch die Berichterstattung der Medien Erinnerungen an die Oberfläche gelangten. Viele schämten sich aber auch, über das Erlittene zu sprechen.

Schrapper sprach sich zugleich für eine differenzierte Sichtweise auf frühere Erziehungsmethoden aus. Auch aus heutiger Sicht sei nicht jeder Klaps in Schule und Elternhaus sofort als Misshandlung zu werten. Entscheidend für schwere Fälle von sexuellem Missbrauch und Gewalt sei das ohnmächtige Ausgeliefert-Sein der Kinder an ihre Erzieher. Typisch für derartige Vorfälle seien eine „kasernierte Unterbringung in geschlossenen Systemen“ , aber auch „schönfärberische Ideologien“ einer besonderen Zuwendung an die Kinder, wie sie offenbar an der Odenwaldschule praktiziert worden sei.

Schrapper deutet darauf hin, dass gerade auch die staatliche Kontrolle solcher Schulen und Heime versagt habe. Deshalb rechnet er mit zahlreichen Entschädigungsklagen.

Die Deutsche Bischofskonferenz ist nach Auskunft von Johannes Stücker-Brüning, Geschäftsführer der Kommission für caritative Fragen, Mitglied am Runden Tisch „Heimerziehung der 50er und 60er Jahre“ in Berlin. Rund 800 000 Kinder und Jugendliche waren in den 50er und 60er Jahren in Heimen untergebracht, davon etwa 500 000 in konfessionellen Einrichtungen. „Es geht uns um Entstigmatisierung und Rehabilitierung jener Menschen, die Leid erfahren haben“, verdeutlicht Stücker-Brüning. Die Bischofskonferenz hat eine Hotline eingerichtet. Unter der Nummer 0 180/4 100 400 können sich Ratsuchende an die Beratungsstelle wenden. Etwa 300 Anrufe hat es dort bereits gegeben. Prof. Schrapper spricht von insgesamt 1500 bis 2000 Betroffenen bisher. Der Runde Tisch wird demnächst auch über mögliche Entschädigungen beraten. Wichtig sei dabei ein gemeinsames Vorgehen aller Institutionen, sagt Stücker-Brüning.

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