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Missbrauchs-Vorwürfe gegen Kinderheim und die Suche nach Wahrheit

Dirk Anger

Münster - An der Wand hängen bunte Fotos von den Philippinen: Jugendliche des Vinzenzwerks haben dort 2006 ein festes Haus für Arme gebaut. Vor den Bildern sitzen die Vertreter des Handorfer Kinder- und Jugendheims an diesem Donnerstag mit ernsten Mienen. Zu schwer wiegen die Vorwürfe von sexuellem Missbrauch und Quälerei - auch wenn die Fälle, um die es an diesem Tag im Konferenzraum gehen soll, schon über 50 Jahre zurückliegen.

Peter Frings, Vorsitzender des Trägervereins Vinzenz­werk, macht den Anfang. Er entschuldigt sich, sollte alles tatsächlich so passiert sein. „Wir wollen bei der Aufklärung behilflich sein“, verspricht er und weiß doch: Eine Beweisführung über Vorgänge, die 50 Jahre zurückliegen sollen, sei schwierig.

Das stellen die Verantwortlichen schon im Fall von Eckhard O. fest. Das frühere Heimkind, heute 61, hat den Stein in dieser Angelegenheit ins Rollen gebracht: Seine Akte sei nicht mehr in Handorf, sondern liege in einer Einrichtung in Hövelhof bei Paderborn. „Wir haben versucht daran zu kommen, das ist uns dort verweigert worden“, so Frings. Und Eckhard O. sagt unserer Zeitung: Seine Akte gebe es nicht mehr, sei ihm mitgeteilt worden. Akten allein scheinen ohnehin kaum zu reichen: Zumal eine Historikerin, die die bald 100-jährige Geschichte des Vinzenz­werks für eine Chronik zusammenstellt, in den Dokumenten keine Hinweise gefunden haben will, die die jüngsten Vorwürfe belegen können.

Heimleiterin Mechtild Knüwer (56) bittet mögliche Opfer sich zu melden. Entweder in Handorf oder direkt beim Landesjugendamt. Nur so bestehe die Chance zur Aufklärung. Für die Schwester ist es spürbar ein schwerer Tag: „Wir bemühen uns mit sehr viel Engagement für die Kinder“, sagt sie langsam - und mit Blick auf die aktuellen Vorwürfe: „Ich kann es nicht ungeschehen machen.“

Was in den 50er und 60er Jahren tatsächlich in Handorf passiert ist, bleibt im Unbestimmten: Körperliche Züchtigung? „Ich kann mich nur vage erinnern, dass es möglicherweise in der Heimschule vorgekommen ist“, sagt Schwester Adelgert Daubert. „Die Bedingungen waren damals wesentlich härter als heute.“ Die 82-Jährige musste Erziehungsberichte schreiben. Auch sie entschuldigt sich im Namen des Ordens für die Vergangenheit: „Das tut uns leid.“ Vinzenzwerk-Vorsitzender Frings geht davon aus, dass es Züchtigungen gegeben hat. „Aus heutiger Sicht ist das nicht zu rechtfertigen.“

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