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Misstrauen ein steter Begleiter

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Saint-Etienne. Hans-Michael Holczer ist dieser Tage ein gefragter Gesprächspartner. Als er gestern morgen im vom Tour-Trubel aufgewühlten Städtchen Bourg d’Oisans den Schatten suchte, war ein bislang noch nie festgestellter Optimismus zu erkennen. Seit Monaten befindet er sich auf vergeblicher Sponsorensuche, der Nachfolger von Gerolsteiner wollte sich auf dem deutschen Markt einfach nicht finden lassen. Doch nun, nach fast drei Wochen Frankreich-Rundfahrt, die seiner Equipe das Gelbe Trikot für zwei Tage sowie das Dress des besten Bergfahrer für 2008 bescherten, rutscht dem 54-Jähriges Erstaunliches heraus: „Wir haben uns vor der Tour zwischen zwei Extremen bewegt.“ Sagt er, und meint den Generalverdacht und die Hoffnung auf Besserung als Gegenpole. Und: „Jetzt hat sich einer große Tür aufgemacht. Und die These lautet: Radsport ist die Sportart des Anti-Doping-Kampfes.“

Eine gewagte Aussage. Sportchefs wie auch Journalisten bewegen sich zweifelsfrei seit einigen Jahren in einem besonderen Spannungsfeld. Die alles entscheidende Frage ist dabei, inwieweit es Änderungen im Berufs-Verhalten der Radprofis gegeben hat. „Man bewegt sich in einer Grauzone“, erklärt Holczer, In der Tat gibt es Indizien, die auf eine positive Veränderung hinweisen. Die Zeit der Dominatoren der Marke Lance Armstrong ist vorbei. Cadel Evans könnte ein Tour-Gewinner ohne jede Attacke und mit sportlicher Zurückhaltung werden, undenkbar in den letzten Jahren. Auch müssen Athleten am Tag danach bezahlen, wenn sie Fluchtversuche gewagt haben, verkündet wird die „humanere Tour“, mit vernünftigem Streckenprofil. Trotzdem konnte keine Mannschaft der Tour 2008 Tag für Tag den Stempel aufrücken, auch nicht Team CSC Saxo Bank. Und die bizarren Bergsprints aus dem Vorjahr zwischen Michael Rasmussen und Alberto Contador fanden nicht statt. Allerdings, so Holczer: „Komplett vertraue ich keinem Fahrer.“ Misstrauen als steter Begleiter.

Auch funktionierten die Dopingtests effektiver. Der Druck wächst auf die „Betrüger“, weil Tour-Veranstalter, französische Anti-Doping-Behörde und auch erstmals die Pharmakonzerne zusammenarbeiten. So wurde Riccardo Ricco geschnappt.

Andererseits gab es drei Dopingfälle, ein positiv wie negativ zu gebrauchender Beleg. Die spanisch-italienische Mannschaft Saunier-Duval befeuerte mit ihrem Verhalten den Generalverdacht – auch wenn ein Großteil des Teams einen offenen Brief schrieb und sich zur dopingfreien Zone erklärte. Auch Rolf Aldag und Bjarne Riis taten das über Jahre, ehe sie gestanden. Die ehemaligen Telekom-Fahrer sind heute in wichtigen Funktionen gerade in Mannschaften aktiv, die zu den allerbesten im Radzirkus zählen. Ihre Kehrtwendung kollidiert stets mit der Vergangenheit. Ihre Glaubwürdigkeit befindet sich in einer Dauerprüfung des Anti-Doping-TÜVs, ein abschließendes Ergebnis ist nicht zu erwarten.

Deutschland sei wie ein „gekränkter Verliebter“, deutete Tour-Chef Christian Prudhomme die Stimmungslage im Nachbarland. Es gäbe nur schwarz und weiß. Dabei hat Prudhomme eine große Hoffnung, sie heißt Linus Gerdemann. Mit ihm als einem Bewerber um das Gelbe Trikot, so Prudhomme, könnte in Deutschland eine neue Radsport-Romanze beginnen.

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