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Nachbar Polen

Mit dem Billigflieger zum Arbeitsplatz

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Bydgoszcz/Bromberg - Abends im Klein-Venedig von Bydgoszcz, dem früheren Bromberg: Im urgemütlichen Mühlen-Restaurant am Kanal stellt sich das brisante Thema Arbeitsmarkt zwischen Schmalzbroten und traditionell fetten Wurstspeisen irgendwie von selbst. „Schmeckt es Ihnen auch?“, fragt Jaroslaw Krystek besorgt beim Gast nach – in bestem Deutsch, fast akzentfrei.

Den verwunderten Blicken begegnet der 34-Jährige sogleich: „Ich bin der Restaurant-Manager und muss heute auch bedienen.“ Viel mehr braucht es kaum, um das polnische Dilemma zu begreifen: Es mangelt inzwischen an Arbeitskräften. Ob in der Gastronomie oder auf dem Bau, Computerexperten oder Mediziner, der Exodus gen Westen setzt der Wirtschaft Polens schmerzlich zu. Unlängst schon mussten chinesische Arbeiter ein paar Autobahn-Kilometer im Weichsel-Land bauen. Damit es überhaupt vorwärts geht.

Großbritannien, Irland oder Niederlande heißen für viele polnische Arbeitnehmer die verlockenden Ziele. In den Fußgängerzonen polnischer Großstädte werben private Agenturen gar gezielt Personal für diese Länder an. Die beste Job-Aussichten bieten – und mit dem Billigflieger von Warschau, Krakau oder Bydgoszcz aus schnell zu erreichen sind. Dass Deutschland seinen Arbeitsmarkt noch bis zum Jahr 2011 weitgehend für die vermeintliche Billig-Konkurrenz aus dem östlichen Nachbarland geschlossen halten will, versteht in Polen kaum noch jemand. „Nur die Deutschen wollen uns nicht“, kritisierte unlängst die linksliberale Gazeta Wyborcza, nachdem auch Frankreich seine Grenzen für Polens Arbeitnehmer vollends geöffnet hat.

Für Restaurant-Manager Krystek hat der europäische Arbeitsmarkt bereits ohne Deutschland zu viel negative Folgen: Für zwei Euro Stundenlohn – „das Doppelte gibt es aber noch als Trinkgeld“ – findet er kein Servicepersonal mehr. Früher standen nach einer Annonce 30 bis 40 Kellner vor der Tür. Die Zeiten seien vorbei. „Dabei kann man auf 3000 Zloty pro Monat in der Sommersaison kommen', sagt Krystek. Das sind rund 850 Euro. Weit mehr als ein studierter Lehrer bekommt. „Und eine Verkäuferin verdient 1200 Zloty.“

Der polnische und der deutsche Arbeitsmarkt hatten im Juni nach EU-Angaben mit 7,3 Prozent erstmals die gleiche Arbeitslosenquote. Aber Jaroslaw Krystek blickt gerne auf seine elf Jahre in Deutschland zurück, schwärmt von Pünktlichkeit und Ordnungssinn. Gerne würde er dort wieder arbeiten, sagt er. Doch vorerst heißt es für den 34-Jährigen im schick herausgeputzten Fachwerk-Restaurant in Klein-Venedig: „Ich muss auch das Klo putzen, obwohl ich der Manager bin.“

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