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Mit den Füßen beten - Pilgern auf dem Jakobsweg in Spanien

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Santiago de Compostela – Vor einem Jahr konnte sie kaum laufen. Nach einem schweren Fahrradunfall wäre Rosi Brüggenwerth aus Schwerte fast gestorben. Hüftbruch, Beckenbruch, Lungenembolie. Jetzt will sie wieder ihren Körper spüren. Schritt für Schritt geht die schlanke Frau, bis sie nur noch den Takt der eigenen Füße fühlt.

Der Jakobsweg ist neben den Strecken nach Rom und Jerusalem eine der großen Pilgerrouten der Christenheit. Auf einigen der Steine des Weges sind schon im Mittelalter Wanderer gelaufen. Von Deutschland, den Niederlanden oder Italien gibt es noch Wege bis nach Spanien, die sich alle auf dem „Camino francés“ bei Puente la Reina treffen, der Hauptroute der Jakobspilger. Im Mittelalter gingen die Menschen den Jakobsweg auf der Suche nach einer Wunderheilung oder damit Gott ihnen ihre Sünden vergibt. Eine Jakobspilgerschaft zählte so viel wie die Teilnahme an einem Kreuzzug. Heute sind die Motive so verschieden wie die Pilger. Nur das Ziel ist dasselbe.

Viele der rund 100 000 Pilger jährlich sind heute nicht auf der Suche nach Gott, sondern nach sich selbst. Oder einem Ausweg. Ein Kanadier erzählt, dass er den Weg schon zweimal gegangen sei, um eine Entscheidung zu treffen. Nach dem ersten Mal gab er seinen Job als Chemiker auf und wurde Musiker, nach dem zweiten Mal trennte er sich von seiner Frau. Beim dritten Anlauf genießt er einfach den Weg ohne zu grübeln – und spaziert mit einer jungen Israelin an der Hand vorbei. Zusätzlicher Ansporn für die Strapazen ist eine Pilgerurkunde, die „Compostela“, die jeder bekommt, der die letzten 120 Kilometer zu Fuß oder die letzten 200 Kilometer geritten oder geradelt ist. Stempel, die in den Herbergen oder Kirchen vergeben werden, dokumentieren den Weg.

Auch wenn die Pilger streckenweise alleine wandern, wird an manchen Orten deutlich, wie viele Menschen unterwegs sind: Das „Cruz del ferro“ (Eisenkreuz) ist auf einem riesigen Steinberg am Wegesrand, etwa 200 Kilometer vor dem Ziel, errichtet. Jeder Stein steht für einen Pilger, der seine Wünsche und Hoffnungen niedergelegt hat. Für den Krankenpfleger Hartmut aus Westfalen ist das ein symbolisches Loslassen. Er hat nach seiner Scheidung seine beiden Kinder sechs Jahre lang nicht gesehen. Der Stein stammt aus dem Vorgarten seiner ehemaligen Familie. Er hat ihn aufgesammelt, als er mal wieder an dem Haus vorbeiging, ohne zu klingeln.

Das Loslassen fällt leicht, denn der Verlauf des Weges steht fest. Die Pilger müssen nichts weiter tun, als einem Muschelsymbol durch Spanien folgen – auf Feldern, Asphalt, Waldboden und Stein. Durch das Baskenland, Navarra, Rioja, Kastilien-Leon und Galizien. Jede Provinz ist wie ein eigenes Land, etwas Typisches bleibt im Gedächtnis: Die mystischen Dörfer in Galizien mit den Storchennestern auf den Kirchtürmen, die gewaltige Kathedrale in León oder die Weinberge im Rioja, auf die gnadenlos die Sonne strahlt.

Auch wenn die Wegstrecke jeden Tag anders aussieht, hat der Pilgeralltag seine Routine. Er beginnt immer mit denselben Geräuschen: Erst ist da das erbarmungslose Schnarchen, das in Schlafsälen mit bis zu 80 Betten entsteht. Wenn die ersten Pilger aufwachen, beginnt das Rascheln von Plastiktüten, in denen Mikrofaserkleidung, ein Paar Socken, Unterwäsche, ein Handtuch, Schlafsack und Kulturbeutel verstaut werden, bevor alles in den Rucksack kommt. Lichtkegel von Taschenlampen schwirren dazu über die Gesichter der noch schlafenden Pilger. Viele Wanderer machen sich noch vor Sonnenaufgang auf den Weg, um schon mittags das Tagesziel zu erreichen.

Der Erfolg des Buches „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling über seine Pilgerschaft auf dem Jakobsweg bleibt nicht ohne Folgen: Neben Italienern und Spaniern gehen viele Deutsche den Weg. Auch für Rosi Brüggenwerth war das Buch wie eine Initialzündung für eine schon länger geplante Pilgerschaft. Auf den Ansturm sind einige Dörfer nicht gefasst. Die Betten in den Herbergen werden vor allem am Ende der Strecke rar. Das bringt Hektik auf den Weg.

Getrieben von der Angst, keinen Schlafplatz mehr zu bekommen, machen einige Pilger den Weg zu einer Pilgerautobahn. Dabei verlieren viele den Blick für ihre Mitpilger verschiedener Altersklassen und Nationen sowie für die Ereignisse am Wegesrand: den Brunnen, aus dem Wein fließt, die Freiwilligen, die Kaffee, Wasser, Tee und Kekse auf Campingklapptischen bereitstellen oder die kleinen Dorfkirchen, in denen Nonnen ihren Segen aussprechen.

Pro Tag gehen die Pilger 20 bis 30 Kilometer. Das sind je nach Beschaffenheit des Weges fünf bis acht Stunden Marsch. Jeder hat sein Tempo: Der rüstige Rentner mit den Teleskopwanderstöcken, der dem jungen Studenten die Geschichte der Klöster erzählt. Der Marathonläufer, der nur kurz „Bon Camino“ – „Guter Weg“ – ruft, seinen Puls kontrolliert und dann vorbeizieht. Die füllige italienische Großmama, die den Weg in Leinenschuhen und mit einer schweren Bibel im Gepäck bestreitet, aber trotzdem nie aufhört zu lächeln. Oder die alte Dame, die jeden Tag nur wenige Kilometer läuft - und erst in einem halben Jahr wieder zu Hause sein wird.

Alle schleppen sich täglich die letzten Meter zur Herberge. Dort pflegen die Pilger Körper und Gepäck. Es sieht aus wie in einem Lazarett, und es riecht nach feuchten Socken und heiß gelaufenen Schuhen. In einer Ecke massiert eine Ungarin die Füße der Pilger, in der Gemeinschaftsküche fönt ein Brite seine nassen Schuhe, eine junge Frau jagt sich eine Spritze in den Fuß.

Eine Amerikanerin zählt laut ihre Blasen, eine Deutsche klagt, wie Kerkelings Kunstfigur Horst Schlämmer: „Ich hab Rücken!“ Beim Pilgermenü, meist Pommes frites mit Fleisch, dazu Rotwein, ist der Weg das Thema: Der Anstieg, der dann doch nicht so anstrengend war, die sengende Hitze auf der schattenlosen Strecke und der plötzliche Regenguss, dem die wasserdichte Ausrüstung unterlegen war.

Nicht alle schaffen den Weg. „Viele überschätzen sich. Ich habe oft beobachtet, dass Leute abbrechen müssen“, sagt Rosi Brüggenwerth. Wer den Weg doch schafft, steht kurz vor dem Ende wie schon viele Wanderer zuvor auf dem Monte do Gozo und erblickt zum ersten Mal die Türme der imposanten Kathedrale von Santiago. Scheinbar endlos zieht sich das letzte Stück bis zum Eingangsportal, obwohl das Ziel so nah ist. Auf dem großen Vorplatz fallen sich die Pilger in die Arme und werfen dann pflichtbewusst einen Blick in die Grabstätte des Apostels Jakob – nicht ohne den hektisch genuschelten Segen eines Priesters zu empfangen.

Gemeinsam nehmen sie am Gottesdienst teil. Während ein großer Weihrauchkessel durch das Kirchenschiff schwingt und die Pilger segnet, sehen sie noch etwas ungläubig aus. 700 Kilometer, zu Fuß, körperlich kraftlos. Und dann ankommen, um wieder neu zu beginnen. Mit geistiger Kraft. Auch Rosi Brüggenwerth ist dabei. Sie sei nach dem Weg keine andere, erzählt sie. Aber stolz ist sie und gelassener als vorher.

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