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Mit der Motorsäge auf Diebestour durch die Stadt

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Tecklenburger Land. Schon anrührend der Presseaufruf des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes im Dezember vor 25 Jahren: „Der WLV bittet alle Mitbürger, auch mit Blick auf die Schwierigkeiten der Forstwirtschaft, den Weihnachtsbaum zu kaufen und nicht zu klauen!“ Der Holzklau hat mittlerweile das ganze Jahr Saison. Der Stadt Ibbenbüren wurde es jetzt zu bunt – sie erstattete gestern Anzeige gegen Unbekannt.

Das Maß war voll, nachdem in der Grünanlage Kümperweg, am Hagenpatt in Laggenbeck, ein ausgewachsener Ahorn verschwand. Der 15 Meter hohe Baum mit einem Stammdurchmesser von 50 Zentimetern wurde so unfachmännisch gefällt, dass er einen zweiten Ahorn in Stücke riss, beklagt Friedhelm Sprick vom Ibbenbürener Bau- und Servicebetrieb der Stadt. „Das ist die ganz dreiste Art. Wir führen in dem Waldstück Forstarbeiten durch, doch die Ahornbäume sollten ausdrücklich stehen bleiben.“ Nun wurde einer gestohlen, ein anderer zerstört.

Eine weitere „primitive Art, Holz zu beschaffen“, stellte Werner Dirkes in der Westvorstadt fest: „Wir haben am Wallheckenweg einen Pflegeschnitt durchgeführt und die Hecke auf den Stock gesetzt. Die Baumstümpfe, einen halben Meter hoch, wurden später von Unbekannten bodennah abgeschnitten, die Wallhecke kann so nicht mehr vernünftig nachwachsen.“ Auch dieser Diebstahl ist Gegenstand der Strafanzeige. Die Motive für den Holzklau sind für Werner Dirkes klar: „Steigende Energiekosten heizen die Nachfrage nach Brennholz an. Aber nicht nur der Ehrliche greift zu dem nachwachsenden Rohstoff, der nach dem Verständnis von Holzdieben niemandem konkret sondern der Allgemeinheit gehört.“ Anzeigenerstatter Dirkes hofft, dass es für die Täter juristisch noch ein „teurer Holzweg“ wird.

„Die Holzdiebe werden immer dreister“, bestätigt Hendrik Schulze Wettendorf, der den 260 Hektar großen Wald des Stärkeherstellers Crespel & Deiters betreut. Die Diebstähle betreffen sowohl „stehendes Holz, als auch aufgearbeitetes, abgemessenes und bereits abgerechnetes Holz für die Industrie“ aus so genannten Poltern (Holzstößen). Viele hätten heute Holzöfen oder Kamine, doch mancher sei nicht bereit, das Brennholz reell zu kaufen. Der Preis für Industrieholz, an dem sich auch Kaminholz orientiere, sei nach oben geklettert. Zu meterlangen Stämmen gesägt, abholbereit am Wegesrand, aber noch nicht als Kaminholz zerkleinert, koste der Festmeter Buche oder Eiche zurzeit rund 40 Euro. Während die Forstwirtschaft auf dem Weg zu vernünftigen Preisen sei, suchten andere nach Wegen fürs Heizen auf lau.

„Holzdiebstahl kommt immer wieder vor“, erklärt Dr. Klaus Offenberg vom Regionalforstamt Münsterland. War es früher eher nackte Not, sich im Wald zu bedienen, habe das heute keiner mehr nötig: „Man betrachtet den Holzklau als Kavaliersdelikt – das ist unser Problem. Viele Leute wollen nicht wahrhaben, dass der Wald jemandem gehört. Holz wird bedenkenlos mitgenommen, genauso wie man Pilze und Beeren sammelt,“ kritisiert der Bevergerner.

Mag der Verlust für den einzelnen Waldbesitzer noch relativ gering sein, so liege der volkswirtschaftliche Schaden auf der Hand: „Der Waldbesitzer erlöst weniger und bezahlt entsprechend weniger Mehrwertsteuer.“ Die schlimmste Form sei der Diebstahl von bereits aufgearbeitetem Holz. Dr. Offenberg rechnet vor: „1960 lagen die Aufbearbeitungskosten für einen Festmeter Pappel bei sechs Mark, heute sind es 20 Euro.“

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