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Mitten im Leben

Friedemann Diederichs

Washington - Die Tage eins und zwei nach der Wahl von Barack Obama an der Wall Street: Am Mittwoch rutschen die Kurse um 486 Punkte ab, am Donnerstag um 443 Punkte – ein Verlust von rund zehn Prozent. Es ist nicht gerade das, was man als Vertrauensvorschuss der Investoren für den Präsidenten bezeichnet, der am 20. Januar 2009 sein Amt antritt.

Doch damit war das Maß an Hiobsbotschaften noch nicht voll. Gestern wurde bekannt: Die Arbeitslosenzahl für Oktober übersteigt alle Prognosen – und ist so hoch wie seit 25 Jahren nicht mehr. Hinzu kommen ein dramatischer Einbruch der Auftragslage quer durch die Industrie und düstere Aussicht für das Weihnachtsgeschäft. Kein Wunder, dass jetzt die US-Handelskammer Barack Obama aufforderte, die Wiederbelebung der Wirtschaft zur Priorität seiner ersten Arbeitswochen zu machen.

Und der Demokrat scheint sich des Ernstes der Lage bewusst zu sein. Zumal sich sein Erfolg auch auf die Hoffnung der Bürger stützt, er habe die besseren Rezepte zur Krisenbewältigung. Der Sieger drückt aufs Tempo. Zunächst gab es Telefonate mit führenden Welt-Politikern, unter anderem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, wo beide eine enge Zusammenarbeit vereinbarten. Dann traf sich Obama gestern zu Konsultationen mit 17 seiner wichtigsten Wirtschaftsberater, gefolgt von der ersten Pressekonferenz seit der Wahl. Und am Montag steht ein Meinungsaustausch mit Amtsinhaber George W. Bush im Weißen Haus an, bei dem neben dem Irak-Krieg die Rezessionsgefahr eine Hauptrolle spielen dürfte.

Im Nacken sitzt Obama auch eine frische Studie des Internationalen Währungsfonds: Der zufolge soll das Bruttosozialprodukt in den USA, Europa und Japan im kommenden erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sinken. Und nach den Banken hoffen jetzt auch andere Branchen auf staatliche Hilfsaktionen. So standen in dieser Woche Vertreter der drei großen US-Autokonzerne auf der Matte des Kapitols, um Milliardenzuschüsse anzuregen.

Schon jetzt prophezeien Wirtschafts- und Finanzexperten, dass die Gesamtverschuldung des US-Haushaltes innerhalb der nächsten zwölf Monate um 25 Prozent steigen wird – eine atemberaubende Rate, die dem neuen Präsidenten zugleich Handlungsspielraum nimmt. Doch Obama steht beim Wähler im Wort. Zehn Wochen Stillsitzen kann er sich nicht leisten. Und deshalb erwartet man auch eine schnelle Entscheidung bei der Frage des neuen Finanzminister, damit dieser dann Folgethemen wie das versprochene neue Konjunkturpaket rasch angehen kann. Eine Nominierung drängt auch deshalb, weil am 15. November US-Präsident Bush 20 Staatsmänner zum Welt-Finanzgipfel nach Washington geladen hat und der designierte Finanzminister dort zumindest eine Beobachterrolle spielen könnte. „Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit, um einen globalen Zusammenbruch der Finanzmärkte abzuwenden“, beschreibt William Galston, ein früherer Berater Bill Clintons, die Situation.

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