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Münster: Straßenmusikant Onkel Willi trifft seinen Retter

Lukas Speckmann

Münster - Lebensretter? Das Wort ist nicht zu hoch gegriffen. „Wenn ich da noch eine halbe Stunde länger gelegen hätte, wäre ich verblutet“, sagt Klaus Reinhardt, den alle nur als „Onkel Willi“ kennen.

Münsters bekanntester Straßenmusikant - Stammplatz: Rathaustreppe - war an einem Sonntagmorgen im Mai ganz in der Nähe seines Häuschens mit dem Fahrrad gestürzt und lag kopfüber im Graben. Er hatte sich beim Sturz einen komplizierten Trümmerbruch zugezogen und blutete stark; die Ärzte sagten ihm später, dass dadurch die Lunge akut gefährdet war.

Ein Passant fand den Hilflosen, richtete ihn auf, rief einen Krankenwagen. Das bekam der Verletzte, der unter schlimmen Schmerzen litt, gar nicht richtig mit. Drei Tage lang lag er im Koma, es folgten fünf Wochen Krankenhaus, häusliche Pflege, Nachuntersuchungen - und die Reha steht ihm noch bevor. An seinen Retter konnte er sich zunächst kaum noch erinnern. Er meinte immer, ein Jogger sei es gewesen.

Nein, der 73-jährige Friedrich Rotermund, den alle nur „Conny“ nennen, war mit dem Fahrrad am Bahndamm der Umgehungsbahn unterwegs. Er sah den Hilflosen - und erkannte ihn sofort, schon weil er oft in einem Café in Gremmendorf frühstückt. Er richtete ihn auf und brachte ihn in eine stabile Seitenlage. „Mensch, Onkel Willi, du musst sofort ins Krankenhaus!“ Nein, das wollte der Verletzte nicht, aber mehr als ein Wimmern brachte er kaum heraus. Weil auch Rotermund kein Handy dabeihatte, lief er zum nächsten Haus, klingelte und ließ einen Krankenwagen rufen. „Der war in fünf Minuten da.“

Wie es dem schwer verletzten Straßenmusiker in den folgenden Wochen erging - das hat der fleißige Zeitungsleser regelmäßig aus den Westfälischen Nachrichten erfahren. Als er las, dass Onkel Willi seinen Lebensretter kennenlernen möchte, stattete er ihm am Mittwochnachmittag zusammen mit seiner Lebensgefährtin Renate Böckmann einen Besuch ab. Wo Onkel Willi wohnt - das scheinen ganz Gremmendorf und Angelmodde zu wissen.

Klaus Reinhardt hat mit vielem gerechnet; mit diesem Überraschungsgast nicht. Obwohl zurzeit recht viele Leute in seinem urigen Kleingarten vorbeischauen: „In den vergangenen Wochen hatte ich mehr Besuch als in den zehn Jahren zuvor.“ Auf seiner Terrasse, umgeben von Pflanzen, Kater und Kohlmeisen, fühlt er sich wohl: „Hier werde ich rascher gesund als in einem Pflegeheim.“ Demnächst steht eine Nachuntersuchung an, dann wird sich entscheiden, ob er fit genug ist für eine Reha. Zurzeit, räumt er ein, kommt er auf Krücken kaum bis zur Bushaltestelle.

Eines haben Klaus Reinhardt und Friedrich Rotermund gemeinsam aus dem Unfall gelernt: Seit diesem 30. Mai haben beide immer ein Handy in der Tasche.

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