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"Zwischen den Ohren" heute im TV

Münster-Tatort gibt sich als Klamauk-Tatort

wn

Münster - „Fisch?“ - „Nee, Fuß“: Ein abgetrenntes Körperteil, das zwei Angler aus trübem Seewasser fischen, bewegt im 20. ARD-„Tatort“ aus Münster die Gemüter. Während Rechtsmediziner Börne an dem Fundstück seine Jugendfreundin Susanne wiedererkennt, hat Thiel in der Folge „Zwischen den Ohren“ (heute, 20.15) ganz andere Sorgen. Denn nicht nur, dass sein kiffender Hippie-Vater, der beim Nachtangeln eigentlich nur seine innere Mitte gesucht hatte, das Leichenteil findet. Der „abbe Fuß“ führt dazu, dass der Kommissar (Axel Prahl) auch noch das Pokalspiel seines geliebten FC St. Pauli bei einem kühlen Bier auf dem Sofa verpasst und sich stattdessen in komplizierten Ermittlungen wiederfindet. Denn nachdem sein Vater (Claus D. Clausnitzer) und dessen Angelkumpel auch noch den Rest der Frauenleiche aus dem See befördert haben, ist der Kreis der Verdächtigen üppig: Da wäre nicht nur die frauenfeindliche Gang von Motorradrockern, bei denen sich Börnes Jugendfreundin vor ihrem Tod eingeschlichen hatte. Reichlich heimlichtuerisch geben sich auch die Mitglieder eines Tennisvereins um Nachwuchs-Hoffnung Nadine Petri (überzeugend: Anna Bullard), mit der die burschikose Susanne Clemens befreundet war. Glanzmomente darf der Zuschauer im neuen Münster-„Tatort“ weniger von dem etwas überladenen Plot als - wie so oft - von der Komik seiner Protagonisten erwarten. Aufs Feinste pointiert sind diese Szenen des Films, in denen - auch wie so oft - vor allem Börnes kleinwüchsige Assistentin „Alberich“ (ChrisTine Urspruch) ihr Fett wegkriegt. Urkomisch auch die unbedarfte Art, mit der der feine Professor Börne (Jan Josef Liefers) die rotzenden Rocker befragt - und großartig seine mangelnde Fußball-Expertise, die Thiel beim gemeinsamen Fernsehabend in den Wahnsinn treibt: „Wieso versteckt der eine sich jetzt hinter dem anderen?“ Ohnehin überrascht Rechtsmediziner Karl-Friedrich Börne, denn seine verletzliche Seite blitzt gleich mehrfach hinter der arroganten und pedantischen Fassade der selbsternannten Koryphäe auf. In schönster Selbstherrlichkeit probt er zunächst in Badeschlappen und Frack vor dem Spiegel seine Dankesrede für einen Wissenschaftspreis - seine Einsamkeit treibt ihn anschließend aber sogar dazu, sich in betrunkener Sentimentalität mit Thiel zu verbrüdern. „Wahre Freundschaft gibt's nur zwischen Männern“, stellen die beiden konträren Kollegen nach einigen Flaschen Wein fest, nur um sich - natürlich - nüchtern am nächsten Morgen wieder zu siezen. Bei soviel Witz kommt die Handlung etwas konstruiert und mit Themen daher, die sich gegenseitig überlagern. Neben Sexismus, sportlichem Leistungsdruck und Erpressung geht es im neuen Münster-„Tatort“ nämlich vor allem um die komplexe Frage, wann eine Frau eine Frau ist. Und die lässt sich, anders als es sich das Ermittlerduo wünscht, nicht immer nur anhand der Art und Weise beantworten, wie sich mann oder frau den Pullover ausziehen. „Tatort“-Fans können sich an diesem Sonntag aber entspannt im Fernsehsessel zurücklehnen - denn der Krimi hält, was ein Fall aus Münster verspricht: einige Verwicklungen, eine Prise Spannung und eine ordentliche Portion Sticheleien und Klamauk. Am Ende bringt Thiel - beim verzweifelten Versuch, endlich das St. Pauli-Spiel zu gucken - sehr treffend der Unterschied zwischen Fußball und Golf, zwischen ihm und Börne auf die richtige Fährte.

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