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Münster: Westerwelle im Wahlkampf - Mal Diplomat, mal Poltergeist

Elmar Ries

Münster - Sonntag das TV-Duett, politisch weichgespült. Am Montag Wahlkampf mit Ecken und vor allem klarer Kante: Guido Westerwelle zu Besuch in Münster, der liberale Frontmann als erster Unterstützer für den münsterischen Kandidaten Daniel Bahr. Mal gab der FDP-Parteichef den Diplomaten, dann wieder den launigen Poltergeist. Und immer war Westerwelle auch Attackenreiter in eigener Sache; denn sein Wunsch, als nächster Vizekanzler wahrgenommen zu werden, ist offensichtlich.

Die Halle Münsterland, sieben Uhr: Die ersten Parteimitglieder sind da. Zu Tausenden sind sie im Vorfeld angeschrieben worden, rund 1500 sind am Ende gekommen, die Halle ist übervoll. Sie wollen ihren Parteivorsitzenden leibhaftig sehen, wollen ihn reden hören, wollen sich von ihm einstimmen lassen auf den Wahlkampf-Endspurt. Wollen erleben, wie er die Roten, Rot-Roten und Grünen abwatscht und durchaus auch die Union kritisiert, mit der er doch zusammen von der Opposition in die Regierung wechseln will. Soviel vorweg: Um kurz vor zehn hat Westerwelle seine Rede beendet und die Wünsche seiner Zuhörer erfüllt.

Zwei Stunden zuvor betritt er den Saal. Ein Beamer wirft Wahl-Slogans im Sekundentakt auf die Leinwand. „Ihre Arbeit muss sich wieder lohnen“, steht darauf, oder: „Bildung ist ein Bürgerrecht. Westerwelle wird begleitet vom Bundestagskandidaten Daniel Bahr und von Andreas Pinkwart, dem FDP-NRW-Chef. Die Drei winken, lachen, schütteln Hände. Auf 14 Prozent kommen die Liberalen derzeit in den Umfragen, das macht selbstbewusst.

Bahr wärmt auf; die klassische Wahlkampf-Prosa. Mehr Netto vom Brutto durch weniger Steuern und mehr Bürokratieabbau, weg mit dem Gesundheitsfonds, weg mit der Ministerin Ulla Schmidt. Und eine klare Klatsche für Merkel und Steinmeier und das Fernseh-Palaver vom Vortag: „Ich bin mir nicht sicher, ob die Bundeskanzlerin die große Koalition wirklich beenden will“, sagt der 32-Jährige. Die Zuhörer applaudieren.

Pinkwart legt nach: In NRW tragen die Liberalen seit vier Jahren Regierungsverantwortung. Seither sei die überbordende Bürokratie abgebaut worden, mehr Geld in die Bildung auch in die Sicherheit investiert worden. Was die FDP auf Landesebene geschafft hat, soll sie nach dem 27. September auch im Bund erfolgreich umsetzen. Eigenlob als Botschaft.

Aufmerksam sitzt Westerwelle in der ersten Reihe, klatscht und lacht an den richtigen Stellen. Er ist die unangefochtene Nummer eins, und sich - so scheint es - seiner selbst genauso sicher wie der Gefolgschaft seiner Partei. Dass er gestern in Münster spricht und sich zeitgleich mit den anderen Oppositionsparteien im Fernsehen streitet, ist höchstens ein Wunder der Wunder: Die Sendung wurde am Vormittag aufgezeichnet.

Westerwelle schmeichelt („Ich duze mich mit Daniel Bahr und das ist kein Genossen-Du. Wir mögen uns.“), er haut drauf („demokratischer Sozialismus klingt so geschmeidig, ist aber in Wahrheit ein Widerspruch in sich.“) und wirbt um die Mittelschicht. Steuern runter, Familien fördern, Leistung belohnen, in der Bildung „fördern und fordern“. Am Ende dann schwenken tatsächlich einige gelbe Guido-Plakate. Wie putzig.

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