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Serie "Vom Gastarbeiter zum Bocholter"

Muslime in Bocholt verteilen in diesem Monat süße Suppe – Noahs Suppe

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Bocholt - In Bocholt wird derzeit süße Suppe verteilt. „Noahs Suppe“, von den Türken auch Aschure genannt. Die einen bringen ihren Nachbarn und Verwandten diese Suppe, andere empfangen sie und geben ebenfalls wieder Suppe ab. Das ist eine alte muslimische Tradition, berichtet die Bocholterin Tülay Sahin (40), die seit ihrem zehnten Lebensjahr in Deutschland lebt.

„Für mich hat das vor allem mit meiner Kindheit zu tun.“ In ärmlichen Verhältnissen sei sie in Isparta aufgewachsen. „Da gab es nicht so viel Süßes.“ Und genau deshalb sei Noahs Suppe für sie etwas Besonderes gewesen - ein Höhepunkt im Jahr, der etwa den Stellenwert des hiesigen Nikolaustages hatte.

Ab Aschura, dem zehnten Tag des islamischen Monats Muharrem, kann diese süße Suppe einen Monat lang gekocht werden. Viele prophezeite Ereignisse sollen an Aschura, der in diesem Jahr auf den 5. Dezember fiel, eingetreten sein: Moses überquerte das Rote Meer, die Wunden Hiobs wurden geheilt, Jonas kam lebend aus dem Bauch des Wals und Noah strandete nach der Sintflut mit seiner Arche auf dem Berg Cudi. Vieles werde dazu berichtet, sagt Sahin. „Mir hat man als Kind erzählt, dass Noah Tauben losgeschickt hat. Eine kam mit einem Olivenzweig zurück und da wusste Noah, dass Land in Sicht ist.“ Mit den Essensresten, die er auf dem Schiff fand, habe Noah dann die Suppe gekocht.

„Ich interpretiere das als Zeichen der Hoffnung“, sagt Sahin. „Wenn ich die Suppe verteile, sage ich: Gott segne dich.“ Die Schiiten und Aleviten würden am Aschura-Tag an das Massaker von Kerbela denken, bei dem Mohammeds Enkel Husain ibn Ali starb. Die ersten zwölf Tage des Monats Muharrem würden die Aleviten deshalb fasten. Drei Tage nach Aschure würden sie dann ebenfalls die Suppe kochen - zum Dank, dass Husains Sohn Zein Al Abidin wegen einer Krankheit nicht an der Schlacht teilnahm. „Die Erbfolge des Propheten war also gerettet“, sagt Sahin.

Zwölf Imame werden von den Schiiten und Aleviten verehrt. Ebenso viele Zutaten hat ihre Suppe. „Ich nehme auch zwölf Sachen“, sagt Sahin, die Noahs Suppe in diesem Monat bereits vier Mal gekocht hat. Das Rezept variiere je nach Region. Ihre Mutter habe früher noch Bohnen und Fleisch in die Suppe getan, berichtet Sahin. Sie halte sich lieber an das Rezept ihrer Schwiegermutter, weil ihr Mann das so gerne möge.

Dass sich in Noahs Suppe nahezu jede Zutat einzeln herausschmecken lässt, soll das Besondere sein. „Vom Geschmack her ist Noahs Suppe anders als das, was man sonst bekommt“, erklärt Sahin. Kalt oder lauwarm könne sie gegessen werden. „Das Wichtigste ist, dass man sie mit anderen teilt“, sagt Sahin. „Wenn man das in diesem Monat macht, gibt es Glück für das ganze Jahr.“

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