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Netter junger Schwabe ist ein Alleskönner

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Ibbenbüren. Ziemlich brav muss das Publikum am Sonntagabend in der Schauburg gewesen sein, wenn schon der Kabarettist Christoph Sieber sein ganzes Programm „Sie haben mich verdient“ nennt. Und manche hätte ihn, so schien es, gern nach dem langen Applaus mit nach Hause genommen. Der nette junge Mann aus Schwaben konnte aber auch wirklich alles, was man für seinen Job braucht, sogar Hochdeutsch.

Mit dessen Hilfe brachte er das Publikum gleich auf seine Seite. Denn bevor er die Bühne besteigt, plauderte er -nach der Bitte, die Nokia-Handys abzustellen- noch im Zuschauerraum über das Neueste der letzten Woche, über Karneval, Ibbenbüren und die Politik mit ihren Machern, über Koch und andere Köche im Fernsehen. Die kriegten in blitzschnellen Pointen alle ihr Teil, auch die Stadt und die tollen Tage. Zwar stimmte die Ulla-Schmidt-Parodie sprachlich noch nicht ganz, die Charakterisierungen des restlichen Berliner Personals traf aber in Wort und Bild.

Die Bilder, die Sieber mit seinem Gesicht und seinem Körper herstellt, sind sein Markenzeichen. Wozu hat er schließlich Pantomime studiert, aber auch anderes Nützliches wie Schauspiel, Jonglieren und Feuerspucken. Letzteres kam zum Glück nur im übertragenen Sinn zur Anwendung, aber in seiner politischen Jonglage ließ er auch die Bälle fliegen. Und die Entwicklung der Erde vom Nichts bis zum Menschen von heute stellte er auf seine eigene Weise dar, als herrliche Pantomime mit Text.

Ein echtes Meisterstück dieser paradoxen Kunst war seine Bundestagsrede. Auch wenn diese Ansprache tieferschürfenden Inhalt gehabt hätte als „Hollahi und Hollaho“, hätte das Rednerpult die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es war nur ein Brett mit einer Mikrofonattrappe, das Sieber mit beiden Händen so hielt, dass trotz aller Haltungs- und Positionswechsel des Redners das Pult stets an der gleichen Stelle blieb, in gleicher Höhe und exaktem Winkel. Ganz großes Kompliment dafür.

Der Demonstration pantomimischer Technik folgte eine Demonstration von Siebers Fähigkeit, sein Publikum nach Belieben aus fröhlicher Stimmung in tiefe Betroffenheit zu stürzen -und zurück. Der Tod der Freundin in der Achterbahn ist geprägt von blankem Entsetzen, und der allzu beflissene Arbeitslose entwickelt sich zum Verzweifelten und schließlich zu einer Bedrohung. Die absolute Stille im Saal bewies, dass er aus Arbeitslosenzahlen Schicksale gemacht hatte.

Dabei war doch das Thema des ganzen Abends, statt des typisch deutschen Jammerns endlich den Ruck durch das Land gehen zu lassen, auf den wir seit mehreren Bundespräsidenten warten. Aber wie Sieber die Wirklichkeit auch dreht und wendet, durch Kakao, Konsequenzen und Verantwortung zieht, die Welt ist immer ein Grund zum Klagen, selbst beim Sport. „Das Paradies wäre die Hölle“ ist da genau der richtige Schluss.

Der Text mit dieser Aussage ist eine der ausgefeilten Nummern im Programm, jede für sich literarisch oder schauspielerisch ein Kabinettstück. Die grenzt Sieber oft durch einen schnellen Gang hinter seinen kleinen Vorhang voneinander ab. Ob er Übergangsmusik vom Band einsetzen sollte, ob er die so verschiedenartigen Programmnummern besser ausschließlich mit Plaudereien verbunden hätte, um den Ganzen mehr Geschlossenheit zu geben? Das ist ja ein Problem bei Programmen, die sich über mehrere Jahre weiterentwickeln wie dieses.

Dass sich auch Christoph Sieber zu einem ganz großen Kabarettisten weiterentwickeln wird, stand für die Besucher in der Schauburg außer Frage. Wenn er mit seiner schönen Sprechstimme und seinem Können nicht doch noch von anderen Sparten des Theaters abgeworben wird. Aber zum Glück macht ihm Kabarett ja Spaß, und den konnte man sehen, spüren und natürlich mit ebenso großem Spaß miterleben.

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