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Neue amerikanische Ehrlichkeit

Alexander Heflik

Cholet. Möglicherweise ist der kleine Mann mit der modischen schwarz-silbernen Brille und den Kotletten im hippen Dreiecksschnitt aktuell der beste Verkäufer des Radsports. Mal taucht er im Nadelstreifenanzug bei der Teampräsentation auf, bei denen in der Regel die Repräsentanten sportive Kurzarmhemden mit Sponsorenlogo tragen.

Dann nimmt er sich ausschweifend viel Zeit für ein Gespräch, während im Hintergrund hastig die Räder und Fahrer für den Rennstart in Schwung gebracht werden. Es ist schwer, aus Jonathan Vaugthers schlau zu werden. Er ist einnehmend, überzeugend, ehrlich, und das in einem Metier, das momentan um jedes Fitzelchen Anerkennung kämpft. Ehrenmann Vaughters oder Schauspieler Vaughters?

Man möchte meinen, von beidem ganz viel. Vaughters verkündet den offensivsten Kurs aller Profiteams im Anti-Doping-Kampf. Auch deshalb wurde die eigentlich nur als Continental Team in der zweiten Liga des Radsports eingestufte Equipe zur Tour de France eingeladen. Journalisten können zum Beispiel die Blutprofile jedes einzelnen Fahrers anfordern, die angestellten Pedaleure werden bis zu 50 Mal in der Saison getestet, bei Vergehen droht der sofortige Rauswurf. Vaugthers: „Endlich zieht im Radsport auch der wirtschaftliche Druck. Es gibt gute Gründe, an eine Besserung im Radsport zu glauben. Und wir zeigen, dass es auch ohne Doping geht, und das wird die anderen dazu bewegen, auch unseren Weg zu gehen.“ Nur nebenbei: andere Teams handeln vergleichbar.

Etwas Missionarisches liegt in der Luft, wenn Vaughters spricht. Mit 28 Jahren beendete er bereits seine Karriere als Profi 2001. Dann war er Immobilienmakler, Journalist und erarbeitete eine Studie für den damaligen Rennstall-Sponsor Liberty, wie Radsport ohne Doping möglich sei. „Als Liberty aber aufgrund des Dopingfalls Roberto Heras ausstieg, nahm ich mein eigenes Skript als Blaupause für mein Team“, blickt er zurück.

Er begann 2001 mit einem Juniorenteam, zwei Jahre später startete Slipstream in der amerikanischen U-23-Klasse, schnell folgte der Sprung zu den Profis. Nun hat Vaughters mit dem Navigationsgeräte-Hersteller Garmin, der nun allein rund sechs Millionen Dollar jährlich zahlt, sowie der mexikanischen Restaurantkette Chipotle die finanzielle Grundlage für ein Topteam – stets mit dem Hinweis verbunden, ein dopingfreies Team auf die Beine gestellt zu haben. Die neue amerikanische Ehrlichkeit.

Vaughters sieht sich als Teamleiter der neuen Generation, weltoffen, transparent, konfliktfähig. Nur verklausuliert lässt er durchblicken, dass er als Mitglied von US Postal auch gedopt hat. Er habe keinen Heiligenschein, sagt er, der frühere Teamkollege von Lance Armstrong. Man ging im Streit auseinander, und Vaughters befürchtet bei allzu kritischen Tönen wohl Schadensersatzklagen der Advokatenriege Armstrongs. In diesem Punkt bleibt selbst er deshalb schweigsam.

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