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So hätte es auch weitergehen können:

Nicht nur der Pfarrer redet ein bisschen viel

wn

In der Telgter Innenstadt schien alles wie immer, als Joachim Grüngräber an diesem Dienstagmorgen über den Marktplatz schritt. Nichts verriet etwas von dem Mord, der sich in der kleinen Stadt abgespielt hatte, oder von dem näher rückenden Event, dem Mariä-Geburtsmarkt.

Da er vergangenen Sonntag die Leiche seines Jagdkumpanen Horst Döring gefunden hatte, war er von seinem Chef für ein Woche beurlaubt worden. Grüngräbers Stirn runzelte sich verächtlich bei dem Gedanken an eine Woche voll verschenkter Zeit. Sein Blick viel auf Fritz Meierbrink, neben dem ein kleines Mädchen ungeduldig hin und her wippte. Der komische Kauz saß wie jeden Morgen vor dem alten Rathaus auf der Bank und las Zeitung, doch Grüngräber war sich sicher, dass er ihn heimlich beobachtete. Ihn, den Finder der Leiche, ihn, der an der Jagd beteiligt gewesen war, ihn, den Mörder der Leiche? Er wusste, dass einige Leute so über ihn dachten. Telgte war, in dieser Hinsicht, wie jede andere Kleinstadt. Jeder kannte jeden, alle wussten über alles Bescheid.

Das Klingeln der Türglocke in Rudi Merkentrups kleinem Süßwarenladen brachte Grüngräber zurück in die Realität.

„Hier, bitte sehr. Oh, und nehmt euch noch einen extra Lakritzen.“ Die blauen, mit Lachfältchen umrahmten Augen von Rudi strahlten mit den Gesichtern der beiden kleinen Mädchen um die Wette, die sich nun kichernd mit ihren Bonbontüten an Grüngräber vorbei aus dem Laden drückten.

„Na, alter Mann. Ich hoffe, du hast eine Zeitung für mich.“ Rudi lachte. Grüngräber wusste, dass es ihm nichts mehr ausmachte wegen seines Alters aufgezogen zu werden. Niemand meinte es böse, denn sie alle schätzten Rudis Freundschaft und seine weisen Ratschläge.

Rudi nahm eines der wenigen Exemplare des „Telgter Emsboten“ vom Tresen und drückte es Grüngräber in die Hand.

„Polizei tappt weiterhin im Dunkeln - Noch immer gibt es keine Spur von Telgtes Jagd-Mörder.“ Die Schlagzeile des Tages brannte sich sofort in Grüngräbers Netzhaut.

Der darunter stehende Artikel war nicht weniger reißerisch, wie Grüngräber zu seinem Bedauern feststellte.

Normalerweise teilte er die Meinung des hiesigen Journalisten Sven Horstmüller, der mit Vorliebe lokale Politiker durch den Kakao zog. Wie erst vor kurzem Horst Döring. Der hatte sich von seiner Frau getrennt und sofort wieder geheiratet. Die Scheidung wurde ausgewälzt, auseinander genommen und so verdreht wieder zusammengesetzt, wie nur eben möglich.

Doch bei dem Thema „Mord“ duldete Grüngräber keine Späße.

Er blickt von der Zeitung auf. Rudi füllte Grüngräbers Lieblingsmentholbonbons in eine kleine Tüte. Die alte Kasse ratterte und klickte wie ein alter Käfer beim Starten, als er den Betrag eintippte und Grüngräber das Wechselgeld aushändigte.

„Bitte sehr.“, sagte Rudi, und mit einem Kopfnicken in Richtung Emsbote: „Da hat sich der Horstmüller mal wieder selbst übertroffen. Provozierend wie eh und je.“

„Pfff! Diesmal hat er das Messer zu weit in die Wunde gestoßen. Ich denke, dass … da kommt der Pfarrer“, die letzten Worte flüsterte Grüngräber nur. Pfarrer mit ihrer Autorität jagten ihm auf unerklärliche Weise Angst ein. Sie schienen alle Geheimnisse zu kennen.

„Guten Morgen, allerseits!“ Die monotone Stimme von Joseph Schulze-Delling klang ohne die Verstärkung durch hallende Lautsprecher seltsam unvollständig.

„Grüß dich.“, antwortete Rudi. Der Pfarrer war einer seiner besten Kunden, er kaufte für seine treuen Messdiener stets kleine Süßwarentütchen.

„Einmal den Telgter Emsboten, bitte. Das mit dem Herrn Döring, bei der Jagd, das war schrecklich. Der Hirte hat eines seiner Schafe verloren, wie ich immer zu sagen pflege, und es freut mich ganz und gar nicht, dass es so ein Junges war. Möge er den Frieden, den er hier nicht bekommen konnte, bei Gott finden.“ Der Pfarrer machte ein Kreuzzeichen. Anstandshalber tat Grüngräber es ihm gleich, gefolgt von Rudi. Er war sich allerdings nicht sicher, ob das nötig war. Normalerweise sah er den Pfarrer nur jeden zweiten Sonntag in der Kirche. Außerhalb der gewohnten Umgebung war er hilflos wie ein Fisch auf dem Trockenen.

„Jedenfalls hat die Kommissarin, Frau Jochimsen, mit mir gesprochen. Anscheinend gibt es noch keine Hinweise auf den oder die Täter. Und keine Zeugen. Leider konnte ich ihr nicht weiter helfen, auch wenn ich Informationen…Ich rede schon wieder zu viel!“ Bei den letzten Worten spitzte Grüngräber die Ohren. Der Pfarrer musste anscheinend allerhand interessantes bei den Beichten mitbekommen haben.

Jetzt räusperte sich Rudi. „Also, wenn ihr mich fragt, dann war das die Frau Feldmann. Elsa. Ich möchte keinem einem Mord andichten, das glaubt mir. Aber seit der Scheidung stand sie nur noch neben sich. Und sie hätte ein Motiv. Das ist es doch, was für die Polizei immer so wichtig ist?“ Rudis Stirn runzelte sich als er nachdachte.

„Ja.“, antwortete Grüngräber schnell. Ihm war die Theorie nicht neu, denn auch für ihn war das die logischste Schlussfolgerung.

„Wie dem auch sei. Eigentlich möchte ich von keinem der Telgter glauben, er sei ein Mörder. Sowieso passt eine solche Tat nicht zu unserer Stadt, will man meinen.“

Grüngräber nickte. Rudi hatte, wie immer, Recht. Der Gedanke, dass Dörings Mörder noch irgendwo unter ihnen war, vielleicht neben ihm über den Marktplatz schritt oder bei Rudi im Laden seinen Emsboten kaufte – der Gedanke behagte ihm nicht.

Der Pfarrer hatte seine Zeitung bezahlt und wandte sich zum gehen. Doch dann stockte er in seiner Bewegung. Ohne sich umzudrehen murmelte er: „Ich würde meine Augen eher auf Frau Mahlberg-Döring richten.“ Und als hätte ihm seine Bemerkung plötzlich Leid getan, eilte er aus dem Laden.

„Wir sollten uns nicht verrückt machen und die Ermittlungen lieber der Polizei überlassen.“, meinte Rudi schließlich. Doch Grüngräber hatte längst einen anderen Entschluss gefasst: Die Aufklärung der Tat war für ihn eine willkommene Gelegenheit die frei Zeit zu nutzen.

Trotzdem nickte er halbherzig, in seinen Gedanken schon auf Verbrecherjagd.

„Ich werd’ dann mal wieder. Bis bald“, verabschiedete er sich von Rudi.

Schnellen Schrittes machte Grüngräber sich auf den Weg zurück über den Marktplatz und in Richtung Herrenstraße. In der Straße entlang der Ems befanden sich die Villa der Dörings und Elsa Feldmanns Wohnung.

Als er zu eben dieser an seiner rechten Seite blickte, glaubte er zunächst seinen Augen nicht trauen zu können. Denn in roten Lettern prangte das Wort „Mörderin“ an der Backsteinmauer.

Daneben, mit Lappen und Eimer, hatte sich Elsa Feldmann postiert. Rauchend und mit gerunzelter Stirn verfolgte sie Grüngräbers Bewegungen mit den Augen. „Guten Morgen.“ Grüngräber versuchte seiner Stimme einen ungezwungenen Unterton zu verliehen, so als hätte er eben dieser Frau nicht vor wenigen Minuten einen Mord zugeschrieben, und als würden die Buchstaben nicht unaufhörlich vor seinen Augen auf und ab tanzen. Mörderin, Mörderin, Mörderin.

„Guten Morgen“, erwiderte die Frau kühl. Ihre ungepflegten, aschblonden Haare trug sie heute zu einem Pferdeschwanz, und neben ihren Beinen kauerte ein hässlicher Mops.

„Rrrrr.“, knurrend stand er auf, in Angriffshaltung, als wollte er Grüngräber auf seine Art begrüßen.

„Lass Porsche, ich mach das schon.“ Mit einem Ruck zog Elsa den Mops an ihre Seite zurück. Sie trat ihre Zigarette aus, band den Hund an der Türklinke fest und begann mit ihrem Lappen über die Buchstaben zu rubbeln. Langsam kam Grüngräber näher, immer mit Blick auf den Köter, der ihn feindselig anstarrte.

„Sie gucken als gäbe es Freibier. Was wollen sie von mir?“, fragte Elsa schroff.

„Ich trinke kein Bier.“, war Grüngräbers Antwort.

„Hören Sie, wenn Sie lustig sein wollen, dann nicht bei mir. Ich hab keine Zeit und keine Nerven für ihre Späße!“

Grüngräber suchte noch nach den passenden Worten, als Elsa den Lappen zurück in den Eimer warf und sich umdrehte. Das überschwappende Wasser spritzte auf ihre Jeans, doch es schien sie nicht zu stören.

„Ich bin keine Mörderin. Ich habe meinen Mann immer geschätzt. Ich bin keine Mörderin. Und bitte, verschwinden sie jetzt.“

Einen Moment schaute sie Grüngräber in die Augen. Er erkannte die Angst in ihnen, und noch etwas, er wusste nicht, was es war. Dann blickte sie auf den Boden, drehte sich um, und versuchte erneut das Rot von der Hauswand zu entfernen.

Grüngräber bemerkte, dass es zwecklos war, noch weiter mit dieser Frau zu sprechen.

Er entfernte sich und plötzlich wurde ihm bewusst, dass es schwerer werden würde, diesen Fall zu lösen, als er gedacht hatte.

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