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Nicolas Sarkozy – Frischer Wind fegt durch den Élysée

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Wenn er sich gehen lässt und seine Gedanken abschweifen, wirkt er wie ein trauriger Junge. Aber solche Momente gibt es beim französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy nur sehr selten.

Üblicherweise ist er höchst präsent, schlagfertig und zupackend im wahrsten Sinne des Wortes. Hände schütteln, Schultern klopfen, Küsschen verteilen – darin war Sarkozy schon während des Wahlkampfs prima und das hat er auch als Präsident nicht abgelegt. Kritiker meinen, er habe gar nicht gemerkt, dass der Wahlkampf vorbei ist, so sehr bemüht er sich weiter um die Gunst seiner Zuhörer.

Seit Sarkozys Amtsantritt fegt ein frischer Wind durch den Élysée. Der Präsident lief in kurzen Jogginghosen die Palasttreppen hinauf, holte prominente Oppositionelle in die Regierung, ließ sich als Vater des neuen EU-Vertrags feiern, lud Soldaten aller EU-Länder zum Parademarsch auf die Champs-Élysées und traf sich im Urlaub mit George W. Bush zum Hotdog-Essen. Ein Bildtermin jagte den nächsten. Viele Franzosen und manche EU-Partner waren zunächst überrascht, dann begeistert und am Ende von Sarkozys Aktionismus genervt. Die britische Presse sah in ihm schon den neuen Napoleon: klein, aber unheimlich ehrgeizig. Das französische Satireblatt „Le Canard enchaîné“ verpasste ihm zwei Teufelshörnchen und aufgeblasene Backen.

Wie keiner seiner Amtsvorgänger ließ Sarkozy in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft die Öffentlichkeit an seinem Privatleben teilhaben. Cécilia Sarkozy, die Frau, die er erst als Bürgermeister getraut und dann ihrem ersten Mann ausgespannt hatte, war seine wichtigste Stütze und zugleich seine Schwachstelle. Als die Ehe kriselte, versuchte Sarkozy vergeblich, Cécilia mit peinlichen öffentlichen Komplimenten zu schmeicheln. Als die Scheidung bekannt wurde, reagierte Sarkozy gereizt auf Nachfragen nach seinem Privatleben. Den Trennungsschmerz, den er trotz aller Konflikte nach zwei Jahrzehnten mit Cécilia spüren muss, scheint er in Arbeit zu ertränken.

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