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Filmrezensionen

„Novemberkind“: Vergangenheitsschock im Norden des Ostens

Debütregisseur Christian Schwochow wagt sich an ein großes Thema: die Verwerfungen deutsch-deutscher Lebenswege. Zwei Zeitebenen benötigt er dafür, und mit der älteren geht es los. Optisch ist sie an verwaschenen Farben in Hollywoodschaukelorange zu...

Gian-Philip Andreas

Debütregisseur Christian Schwochow wagt sich an ein großes Thema: die Verwerfungen deutsch-deutscher Lebenswege. Zwei Zeitebenen benötigt er dafür, und mit der älteren geht es los. Optisch ist sie an verwaschenen Farben in Hollywoodschaukelorange zu erkennen, ganz im Stil der frühen 80er. In Mecklenburg ist ein sowjetischer Soldat desertiert; was eine junge Frau namens Anna damit zu tun hat, entschlüsselt sich erst in der zweiten Zeitebene.

Die spielt 18 Jahre nach der Wende und startet wiederum in Mecklenburg. Eine junge Frau namens Inga, die aussieht wie Anna, lebt bei ihren Großeltern. Ihre Mutter, Anna, ist angeblich längst tot. Dann taucht plötzlich der Literaturdozent Robert auf.

Ulrich Matthes spielt ihn mit hohlwangigem Theaterpathos, lässt aber gelegentlich auch lausbübischen Charme aufblitzen – weil sich Robert ein wenig in Inga verguckt. Er behauptet, durchaus nicht uneigennützig, Ungeheuerliches: Anna würde wohl noch leben, am Bodensee.

Die Lügen-, Täuschungs-, Flucht- und Verzichtsgeschichte, die sich vor und in Inga nun allmählich auffächert, ist harter Tobak und nicht bis ins letzte Detail glaubwürdig. Doch zum Glück spielt Anna Maria Mühe die Doppelrolle von Anna und Inga: Die 23-Jährige mit den großen blauen Augen spielt die extrem emotionalen Szenen, die ihr hier abverlangt werden, derart unangestrengt und krampflos, dass man sich dem tief melancholischen Sog dieser mitunter allzu kruden Geschichte kaum mehr entziehen kann.

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