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Obama setzt auf Rat aus Berlin

Münster - Klaus Scharioth liebt seinen Beruf. Daran lässt Berlins Botschafter in den USA keinen Zweifel: „Es macht Spaß, deutscher Botschafter zu sein.“ Es sei der zupackende Optimismus der Amerikaner, der ihn immer wieder bewege. Diesen Optimismus bringt Scharioth mit nach Münster. Und beim Gesprächsabend mit 300 Gästen im Rathaus - organisiert vom Amerika Haus NRW, von der...

unserem Redaktionsmitglied Barbara Maas

Münster - Klaus Scharioth liebt seinen Beruf. Daran lässt Berlins Botschafter in den USA keinen Zweifel: „Es macht Spaß, deutscher Botschafter zu sein.“ Es sei der zupackende Optimismus der Amerikaner, der ihn immer wieder bewege. Diesen Optimismus bringt Scharioth mit nach Münster.

Und beim Gesprächsabend mit 300 Gästen im Münsteraner Rathaus - organisiert vom Amerika Haus NRW, von der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft Münster und unserer Zeitung, moderiert von Redakteurin Claudia Kramer-Santel - wird klar: Dieser Optimismus hat mit dem Präsidenten Barack Obama einen neuen Motor erhalten.

Den von Obama immer wieder eingeforderten Wandel - „Change“ - erlebe er täglich bei seiner Arbeit, macht Scharioth deutlich. Die Frage „Wie machen das eigentlich die anderen?“ habe plötzlich einen neuen Stellenwert bekommen. „Es herrscht eine Politik des Zuhörens und die Bereitschaft, sich Rat zu holen“, sagt Scharioth über die Regierung Obamas in ihrem ersten Jahr.

Neuerdings werde in den USA auch wieder vermehrt nach dem deutschen Ansatz in bestimmten Politikfeldern gefragt. „Das hat es in dieser Intensität lange nicht gegeben“, sagt Scharioth. „Man entdeckt hier und da Spuren“, erklärt der Diplomat schmunzelnd den Einfluss deutscher Ratschläge auf die amerikanische Politik.

„Wir dürfen aber diese Spuren nicht zu deutlich werden lassen - sonst werden wir nicht mehr eingeladen.“ Obama habe sich in der Afghanistan-Frage die „eher vorsichtige“ deutsche und niederländische Haltung zu eigen gemacht, auf keinen Fall als Besatzungsarmee auftreten zu wollen.

Klimaschutz, nukleare Abrüstung, Guantanamo, Iran, Irak, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Verbesserung der Infrastruktur, eine umfassende Gesundheitsreform: Die Agenda des Präsidenten erscheint übervoll. „Es ist natürlich ein Risiko, alle Baustellen gleichzeitig zu bearbeiten. Aber ein Präsident ist in den ersten 18 Monaten am mächtigsten.“

Dann stehen in den USA die Zwischenwahlen an. „Und Demokratien weltweit werden tendenziell immer ungeduldiger, die Fristen immer kürzer.“ Ob der Präsident langfristig Erfolg haben wird - das wisse keiner. „Wenn es ihm nicht gelingt, Arbeitsplätze zu schaffen, dann wird er nicht wiedergewählt.“

Von einer Katerstimmung nach der „Obamania“ spricht Scharioth nicht, aber: „Viele Reformprojekte, die er anpackt, sind in den USA nicht besonders populär.“ Die Gesundheitsreform - für Scharioth ein „Riesenerfolg“ - löse unter Amerikanern eben keine Euphorie aus. „Obamas Politik ist nicht amerikanischer Mainstream“, stellt der Botschafter klar. Auf Dauer werde die Politik der USA nicht so aussehen wie im Moment.

Einen gesellschaftlichen Wandel allerdings hat die Wahl des ersten afroamerikanischen Präsidenten ausgelöst. Und auch Michelle Obama trage dazu bei: Einerseits zitiere der Präsident oft den Rat seiner Frau - „wie viele kluge Ehemänner“. Die First Lady sei darüber hinaus ein Rollenmodell: „Eine Schwarze arbeitet sich hoch, genießt eine hervorragende Ausbildung, steht ihre Frau und macht dabei bella figura.“

Einmal habe er bei einem offiziellen Abendessen des Präsidenten neben Michelle Obama gesessen, plaudert Scharioth. „Und es wollten mehr Leute ihre Hand schütteln als seine. Ihre Geduld und Grazie haben mich tief beeindruckt.“

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