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Obama und Clinton: Eine wunderbare Feindschaft

Friedemann Diederichs

Washington. Der Kalender zeigte den 11. März 2008, und der Wahlkampf um die Präsidentschaftsnominierung bei den US-Demokraten hatte seinen Siedepunkt erreicht. Da griff Gregory Craig, einer der wichtigsten Berater von Barack Obama, zur Feder – für ein brisantes Memorandum. „Es gibt keinen Grund zu glauben“, so Craig, „dass Hillary Clinton eine Schlüsselrolle in der Außenpolitik der Clinton-Ära spielte. Sie nahm nicht an Krisentreffen teil. Sie hatte keine Befugnis, geheime Informationen zu erhalten. Sie war an keinen wichtigen Entscheidungen beteiligt.“ Und dann das Fazit: „Ihre Behauptungen, außenpolitische Erfahrungen zu haben, sind falsch oder übertrieben.“

Gregory Craig wird als oberster Jurist unter Obama ins Weiße Haus einziehen. Und Hillary Clinton, daran lassen die Meldungen keine Zweifel mehr, ins Chef-Büro des Außenministeriums. In dieser Woche will es der neu gewählte Präsident offiziell machen. Es wäre der vorläufige Schlussstrich unter dem Zweikampf starker Persönlichkeiten, der lange Zeit Amerika in Atem hielt und bei dem in den letzten 20 Monaten die Emotionen bis aufs Blut gereizt wurden.

Noch nicht allzu lange ist es schließlich her, dass die Berater Obamas den beiden Clintons vorgeworfen hatten, beim Ringen um das Weiße Haus mit abfälligen Bemerkungen die „Rassenkarte“ gespielt zu haben.

Maureen Dowd, Kolumnistin der „New York Times“, formuliert nun die Frage, die sich Millionen Amerikaner stellen: „Wie kann er Hillary, die den Irak-Krieg autorisierte, ohne auch nur die Geheimdienstberichte dazu gelesen zu haben, damit beauftragen, eine Außenpolitik und eine durch diesen Krieg zerrissene Welt zusammenzuflicken?“

Ist eine Außenministerin namens Hillary Clinton jener „change“, also Wandel, den Obama bei seinen Wahlkampfauftritten gebetsmühlenhaft versprochen hat? Die „New York Times“ glaubt das nicht. „Ihre Berufung dürfte sein Argument unterminieren, er bringe wirklichen Wandel nach Washington“, schreibt das Blatt. Zähneknirschen dürfte die Nominierung Clintons vor allem für Vizepräsident Joe Biden bedeuten. Seine Spezialität ist die Außenpolitik, und er hofft, seine Erfahrungen einbringen zu können. Doch nun trifft er auf eine interne Konkurrentin, die im Wahlkampf beim Ringen um Profil in so manches Fettnäpfchen tappte – wie beispielsweise bei der längst widerlegten Behauptung, sie habe beim Friedensschluss für Nordirland mitgewirkt.

Obama geht ein Risiko ein: Weil er, der keinen Wert auf große Dramen legt, künftig die Bühne bei weltpolitischen Themen mit einer Außenministerin und ihrem Mann teilen muss. Ein Duo, das wie kein anderes Politiker-Ehepaar Aufmerksamkeit und Kontroversen auf sich zieht.

Naheliegend ist, dass hier vom neuen Präsidenten eine Personalentscheidung mit Langzeit-Vision getroffen wurde – mit dem Ziel einer frühzeitigen Positionierung für die nächste Wahl im Jahr 2012. „Obama könnte von Hillary nun Loyalität einfordern“, heißt es dazu im „Wall Street Journal“, und sich von ihr versichern lassen, in vier Jahren nicht wieder antreten zu wollen.

Eines steht bereits heute fest. Für beide, den zukünftigen Oberkommandierenden der Supermacht und seine Chef-Diplomatin, ist es trotz aller Friedensbeteuerungen und Kooperationsschwüre auch eines: die Fortsetzung einer wunderbaren Feindschaft.

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