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Odyssee durchs Ruhrgebiet

Essen - Eine Odyssee ist bekanntlich kein Schönwetterausflug – und was hätte die gewagte Unternehmung, der Theater-Titanen des Ruhrgebiets im Kulturhauptstadt-Jahr 2010 besser komplettiert als das sonntägliche Sturmtief über dem Ruhrarchipel? Die Charybdis des Odysseus hieß bei der Premiere der Odyssee am Wochenende Xynthia. Als die Siegesgöttin Nike am Gestade des Teichs im...

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Essen - Eine Odyssee ist bekanntlich kein Schönwetterausflug – und was hätte die gewagte Unternehmung der Theater-Titanen des Ruhrgebiets im Kulturhauptstadt-Jahr 2010 besser komplettiert als das sonntägliche Sturmtief über dem Ruhrarchipel? Die Charybdis des Odysseus hieß bei der Premiere der "Odyssee Europa" am Wochenende Xynthia.

Als die Siegesgöttin Nike am Gestade des Teichs im Park hinter dem Theater an der Ruhr in Mülheim auf einer gewaltigen Müllhalde, den schmutzigen Überresten einer zerstörerischen Zivilisation endgültig ihre Flügel ablegt, schaudern die Zuschauer nicht bloß, weil nun die Welt, im „Sirenengesang“, dem Stück des Ungarn Peter Nadas „ein geplünderter Ramschladen“, dem Bösen überlassen wird. Der Orkan über dieser ganz unglaublichen Theaterpremiere kam, wie von den Göttern geschickt.

Sechs Stücke über die Irrfahrt des Lebens, über Weggehen und Ankommen, Fremdheit und Heimat, Hoffnung und Illusion, eigens geschrieben von bekannten internationalen Autoren und aufgeführt zwischen Samstagmorgen und Sonntagabend, zwischen Moers und Dortmund. Ein etwa 1000-köpfiges "Ensemble", neben den Theatermachern und Organisatoren, auch die 400 Besucher und etwa 200 Gastgeber. Letztere, allesamt Bewohner des Ruhrgebiets, spielen eine Hauptrolle in der Odysee. Wo wäre Odysseus ohne die gastfreundlichen Phaiaken gelandet, die ihm zwischendurch Erholung boten?

Am Premierenwochenende ist Bernhard Wiebel aus Bochum einer dieser „Fellachen“. Am Samstagmittag nach der erste Aufführung, steht er, im kleinen Heer der Gastgeber vor dem Essener Grillo-Theater und reckt lächelnd eine Tafel mit den Namen seiner Gäste in die Luft. Er kennt sie nicht, und sie wissen nicht, wer sie empfängt.

In Bernhard Wiebels Auto ist ein Navigationssystem, das angesichts der vielen Staumeldungen Unschlüssigkeit über die richtige Route zeigt. Eine Odyssee bleibt eine Odyssee, auch in Zeiten der Satelliten-Navigation. Wiebel und 200 andere Menschen chauffieren die Gäste zu Lieblingsplätzen, kehren mit ihnen in ihre Stammkneipe ein, setzen sie Schaupielhaus Bochum zum nächsten Stück wieder ab, warten abends spät nach der letzten Aufführung vor dem Theater Oberhausen.

Bevor die Teilnehmer der Theater-Odyssee ins gemachte Gästebett fallen, sprechen Menschen, die zuvor nie begegnet sind, im Wohnzimmer über Suchen und Finden, Fremdsein und Vertrautheit und natürlich das Ruhrgebiet und den Rest der Welt.

Bei der Odyssee Europa, so der offizielle Titel des Theaterprojekts der „Metropole Ruhr“ gibt es keine bloßen Zuschauer mehr. Wer sich darauf einlässt, muss das Theater lieben und das Abenteuer ein bisschen auch. Das „raumlaborberlin“, der beiden Architekten Jan Liesegang und Matthias Rick haben das Konzept für die Irrfahrt durch die Zwischenwelt inszeniert, lassen das Publikum nicht nur mit dem Auto ihrer Gastgeber, sondern mit Bus, U-Bahn und Schiff, auch ein Stückchen zu Fuß das Ruhrarchipel erkunden..

Eine Kreuzfahrt, die viel mehr ist als eine originelles Ruhrgebiets-Sightseeing. Denn die sechs Stücke über Odysseus, den abwesenden Vater und Ehemann, den Waghalsigen und Listenreichen, den Helden und Gewalttäter bieten überreichlich Gesprächsstoff in der Reisegesellschaft., die sich am Sonntagabend vor dem letzten Schauspiel in einem ehemaligen Dortmunder Starßenbahndepot an mehrere hundert Meter langen, reichlich gedeckten Tafeln bei einem Gastmahl stärkt.

Am Ende, im Schauspiel Dortmund, ist Odysseus im Stück von Christoph Ransmayr, der heimkehrende Kriegsverbrecher, ein dicker, gealterter, ermatteter, daheim nicht mehr erwarteter Ex-König, der in ein Ithaka zurückkehrt das in seiner Abwesenheit von machtgierigen Modernisierern umgekrempelt wurde. Ransmayer greift mit der Heimkehr dasselbe Thema auf wie der Warschauer Autor Grzegorz Jarzyna, der, sehr nah am homerschen Epos zum Auftakt des Theatermarathons im Essener Grillo-Theater Odysseus, den immer noch drahtigen Helden zurückkehren lässt in einen Konflikt mit seinem Sohn Telemach und seinem Vater Laertes.

Für das Bochumer Schauspielhaus hat Roland Schimmelpfennig den elften Gesang dramatisiert – Odysseus Fahrt in die Unterwelt, seine Begegnung mit den Toten, die im Hades um ihr verlorenes Leben trauern.

Im Oberhausener Theater lenkt der irische Autor Enda Walsh den Blick auf Penelopes Freier. Die letzten vier von ihnen erwarten angstvoll, hektisch und selbstzerstörerisch die Heimkehr des Herrschers in einem trockengelegten von Sperrmüll überbordenden Swimmingpool.

Im „Sirenengesang“ des Ungarn Peter Nadas im Mülheimer Theater an der Ruhr treten die drei Söhne des Odysseus, in Abwesenheit des Vaters zu Gestalten des Bösen herangewachsen, ins Rampenlicht der schockierende Momente nicht scheuenden Inszenierung von Theater-Chef Altmeister Roberto Ciulli. Der türkischen Autorin Emine Sevgi Özdamar bleibt es in der Theaterhalle des Schlosstheaters Moers vorbehalten, mit „Perikizi“das einzige Stück der Odyssee mit einem Happy-End beizusteuern. In der originellen, aber auch nicht ohne Klischees auskommenden Inszenierung von Ulrich Greb gelingt der Aufbruch des Istanbuler Mädchens Perikizi nach Europa erst, als die Familie die Reise der Tochter mitträgt. Der Gang in Fremde kann nur gelingen, wenn die Tradition der Heimat mitfährt. Die Zuschauer feiern mit türkischem Tee und Süßigkeiten mit.

Dass die meisten nach der zwei volle Tage und eine Nacht dauernden Premiere mit sechs Uraufführungen am Ende auf Bahnhöfen strandeten, auf denen dank Xynthia nur noch sehr spärlich Züge abfuhren, konnte kaum noch jemanden erschüttern. Die sehr reale Ungewissheit über die glückliche Heimkehr unterbricht der Anruf des Bochumer Gastgebers: Ob er die Gäste vielleicht mit seinem Auto nach Hause bringen dürfe? Während die von so viel Fürsorge Beglückten noch kurz überlegen, fährt doch noch ein Zug ein. Glückliches Ende einer beglückenden Odyssee.

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