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Christian Wulff seit 100 Tagen Deutschlands Bundespräsident

Ohne Schonfrist ins eiskalte Amts-Wasser

wn

Das ungeschriebene Gesetz einer 100-tägigen Schonfrist, einer vergleichsweise kritikfreien Zeit zur Einarbeitung in ein neues Amt - Christian Wulff wurde diese Gnade einer medialen „verfolgungsfreien“ Zone nicht zuteil. 100 Tage ist der frühere niedersächsische Ministerpräsident und Überraschungskandidat fürs höchste Staatsamt nun Bundespräsident. Ein durchaus holpriger Start. Mit dennoch vielversprechenden Perspektiven.

Wulff, seit drei Jahrzehnten im (partei-)politischen Geschäft unterwegs und ein Zögling dieses Systems, wäre mit allzu großer Blauäugigkeit gestraft, hätte er trotz seines plötzlichen Sprunges in das eiskalte Amts-Wasser wohlwollenden Großmut der Kritiker erwartet. Zu groß die Zahl derer, die Wulffs zweifellos brillanten Gegenkandidaten Joachim Gauck noch immer lieber als Hausherrn im Schloss Bellevue sähen, zu groß allerdings eben auch die Ungeschicktheiten des Jung-Präsidenten im neuen Amt. Der mallorquinische Finca-Urlaub beim befreundeten Finanz-Unternehmer Maschmeyer, dann die Einmischung in die politische Aufarbeitung der Loveparade-Katastrophe in übereifriger Ministerpräsidenten-Manier und schließlich der Fall Sarrazin mit einer eiligen inhaltlichen Festlegung und dem Ruf nach personeller Konsequenz ließen an Turbulenzen im Amt und ums Amt nichts zu wünschen übrig.

Zweifellos ein bisschen viel Interventionspolitik, noch dazu gepaart mit dem Ruch populistischer Parteilichkeit - die Frage nach dem Amtsverständnis des neuen Präsidenten stand schnell und nachvollziehbar im Raum. Wulffs erste große Rede, zum Tag der Deutschen Einheit, dann im Vorfeld hochstilisiert zum „Sänger-Wettstreit“ mit Joachim Gauck, der aus selbigem Anlass tags zuvor ans Pult treten würde - der Respekt vor dem höchsten Staatsamt schwindet, vielleicht auch im Gefolge des so unglücklichen wie spektakulären Rücktritts Horst Köhlers. Wulff hat eine gute Rede gehalten. In der Islam-Passage zwar missverständlich, weil sie eine Gleichsetzung von Christentum und Islam vermuten lässt; daraus aber eine Infragestellung der christlich-jüdischen Leitkultur abzuleiten, ist völlig abwegig. Gleichwohl: Der Präsident will diese Leitkultur-Debatte auf die große politische und gesellschaftliche Bühne hieven. In der Rolle eines Brückenbauers, als der sich Wulff der Nation angedient hat. Ein Ziel, das sich der Präsident gewiss schon vor seiner Wahl gesetzt haben dürfte, in dem er sich aber durch den Fall Sarrazin im Nachhinein bestärkt sehen dürfte.

Der junge Bundespräsident befindet sich noch auf dem Weg, seine Rolle im Amt zu finden, seine Agenda klar zu umreißen und sich im überlauten Berliner Stimmengewirr das dem Staatsamt gebührende Gehör zu verschaffen. Ein Lernprozess, den der Niedersachse gewiss mit längerer Vorbereitungszeit in Angriff genommen hätte - die obwaltenden Verhältnisse ließen ihm dazu jedoch keine Chance. Horst Köhler hinterließ, als er Hals über Kopf dem Schloss Bellevue den Rücken kehrte, überdies ein irritiertes, in Teilen nicht gut aufgestelltes Bundespräsidialamt. Eine Baustelle, die der Bearbeitung bedurfte. Die Umstände der Amtsaufnahme konnten widriger kaum sein.

Christian Wulff, vom parteipolitisch bürgerlichen Lager nach Abschütteln der Schockstarre entschlossen an die Staatsspitze geschickt, mag aus heutiger Sicht (noch) nicht die Bestbesetzung sein. Aber Wulff wird seinen Weg finden - hoffentlich begleitet von dem Mut, eben auch ein jugendlicher Präsident sein zu wollen. Und begleitet von der Vernunft, nicht zu reden, wenn das Amt Schweigen gebietet.

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