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Olympiasieger fast vergessen

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Münster. Die Stadt Münster hat ihrem berühmten Sohn (noch) keine Reverenz erwiesen; keine Straße ist nach ihm benannt, kein Platz und auch keine Sporthalle, wie sie im Berliner Stadtteil Wilmersdorf/Charlottenburg seinen Namen trägt: Carl-Schuhmann-Halle.

Wobei das Attribut „berühmt“ so recht nicht greift: Carl Schuhmann ist allem Anschein nach in Vergessenheit geraten, die Nachwelt hat Schwierigkeiten mit dem Athleten, der Geschichte geschrieben hat, die ihresgleichen sucht. Eine, die freilich erst lange, lange nach seinen größten Erfolgen im Jahr 1896 gewürdigt wird.

In diesem Jahr wurde Carl Schuhmann, der 1869 in Münster geboren wurde, erster deutscher Olympia-Sieger – und mehr noch: „Schuhmann wurde in den Tagen vom 9. bis 11. April 1896 zu dem, was man 100 Jahre später einen Star nennt“, heißt es in dem Porträt, das die Stiftung Deutsche Sporthilfe in ihrer neuen, virtuellen „Hall of Fame des deutschen Sports“ zeichnet. Schuhmann, so viel ist sicher, verbrachte nur seine ersten zwei Lebensjahre in Münster und zog danach mit seinen Eltern Charlotte und Carl nach Köln. Er gewinnt bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit vier Goldmedaillen: Die Mannschaft gewinnt im Turnen am Barren und am Reck, Schuhmann holt sich auch noch die Einzelwertung am Pferdsprung. Tags darauf siegte der Münsteraner, der sich 1919 in Berlin als Goldschmied niederlässt, auch noch im Ringen: Vier Goldmedaillen in verschiedenen Disziplinen. „Er wuchs zum überragenden Athleten der damals sportlich bekannten Welt“, heißt es in dem Zeit-Porträt des gebürtigen Münsteraners.

Aber auch hier bleibt vieles über Carl Schuhmann im Dunkeln. „Möglicherweise liegt es daran, dass das damalige Kaiserreich nicht viel übrig hatte für die völkerverbindende Kraft des Sports“, wird gemutmaßt. Die Turner hielten ihn zudem nicht unbedingt für einen der ihren. Eine klare Trennung zwischen dem Turnen und dem restlichen Sport war in Zeiten der Lehren eines Friedrich Ludwig Jahn selbstverständlich.

Auch Schuhmanns Enkel gleichen Namens ist bei seinen Recherchen nicht viel weiter gekommen als die Stiftung Deutsche Sporthilfe und der Sportjournalist Volker Hischen, der sich schon vor vier Jahren intensiv des Themas angenommen hatte.

Der heute 63-jährige Carl Schuhmann war selbst Berliner Turnmeister, sein Vater Deutscher Zwölfkampf-Meister. Enkel Schuhmacher weiß, dass sein Großvater nach den Olympischen Spielen nach England ging. „Er verbrachte den Ersten Weltkrieg auf der Isle of Man und kehrte 1918 nach Berlin zurück“, schilderte Schuhmann junior. Die Spur des großen deutschen Sportlers wird erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen. „Man hat entdeckt, dass er noch in den vierziger Jahren versucht hat, seine jüdischen Turnerfreunde vor den Nazis zu retten. Das galt vor allem für Alfred Flatow, der dann doch deportiert und 1942 in Theresienstadt ermordet wurde“, heißt es in dem Sporthilfe-Porträt. Die Flatow-Brüder gehörten zur deutschen Mannschaft, mit der Schuhmann 1896 Gold gewonnen hatte.

1946 starb der Athlet an den Folgen eines Oberschenkel-Halsbruches nach einem Sturz in eine Baugrube, wie sein Enkel schildert. Der berühmte Sohn der Stadt Münster liegt auf dem Waldfriedhof Heerstraße begraben. Direkt neben dem Berliner Olympiastadion.

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