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Cine-Lenz

"Operation Walküre": Das Böse fordert die Guten

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<1>Wer von „Operation Walküre“ präzise Geschichtsrekonstruktion erwartet, kann wohl nur enttäuscht werden, doch ein spannender Thriller über das gescheiterte Attentat gegen Hitler am 20. Juli 1944 ist unter der Regie von Bryan Singer durchaus herausgekommen. Und Tom Cruise? Der smarte Scientologe bekam für seine Rolle als Chef-Verschwörer Stauffenberg schon vor den Dreharbeiten einen „Courage“-Bambi, obwohl er nun wahrlich nicht der erste Groß-Mime ist, der sich im Outfit eines Nationalsozialisten auf die Leinwand traut. Hier einige Beispiele.

Liam Neeson und Ralph Fiennes in „Schindlers Liste“

Für beide Briten war Steven Spielbergs Meisterstück der Durchbruch. Neeson wurde für seine differenzierte Darstellung des trinkfreudigen Industriellen und NSDAP-Mitglieds Oskar Schindler, der 1200 Juden vor dem Abtransport in Vernichtungslager bewahrte, für den Oscar nominiert. Ralph Fiennes hingegen spielte seinen Widerpart, den perfiden KZ-Kommandanten Amon Göth. Fiennes sah im Film genau so aus, wie die herrenrasseversessenen Nazis nicht aussehen wollten: hässlich, schmierbäuchig und verschlagen. Eine Oscar-Nominierung gab es auch für ihn, seltsamerweise aber keinen „Courage“-Bambi . . .

Bruno Ganz, Ulrich Matthes, Heino Ferch & Co. in „Der Untergang“

Das Wichtigste für die Film-Kamarilla um Produzent Bernd Eichinger ist stets die detailversessene Rekonstruktion. Bei diesem finsteren Kammerspiel aus den letzten Tagen im Führerbunker soll ja bis zum letzten Uniformknopf „alles gestimmt“ haben. Bruno Ganz jedenfalls legte eine der prägendsten Hitler-Performances der Filmgeschichte hin und wurde damit in den USA zum Star. Der hohlwangige Ulrich Matthes als Joseph Goebbels, Heino Ferch als Albert Speer und Ulrich Noethen als Heinrich Himmler ergänzten das Nazi-Gruselkabinett. Zum Hollywood-Ruhm reichte es für sie aber (bisher) nicht.

Tom Cruise, Kenneth Branagh & Co. in „Operation Walküre“

Tom Cruise braucht einen Hit. Seit seiner letzten Oscar-Nominierung sind neun Jahre vergangen. Kein Wunder also, dass sein Wehrmachts-Oberst Claus von Stauffenberg ein Mann ohne Eigenschaften ist: Gleich zu Beginn des Films sagt sich der überzeugte Nationalsozialist von Hitler los, und nach seiner Verstümmelung in Tunesien leitet er die Verschwörung ein. Cruise spielt das so, dass die Geschichte auch in jeder anderen Zeit spielen könnte: Was manch Guido-Knopp-Fan bemängeln mag, kommt dem Universellen an der Story aber gar nicht mal so ungelegen.

Die Mitverschwörer werden von britischen Charakterdarstellern – Kenneth Branagh als Tresckow, Terence Stamp als Beck und, besonders gut, Bill Nighy als Olbricht – mit würdevoller Todesahnung verkörpert. Auch sollte man sich David Bamber merken: Der britische TV-Mime spielt hier – in einer Nebenrolle – Adolf Hitler und bringt es fertig, den Diktator nicht als Karikatur des Bösen zu spielen, aber trotzdem sehr fürchterlich zu wirken. Manchmal kann Hollywood in kurzen, prägnanten Szenen Dinge eben klarer herausarbeiten als das deutsche Kino.

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