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Karneval im Kreis Warendorf

Party mit dem Polarexpress

Klaus Meyer

Everswinkel - War es nun der befürchtete Albtraum oder die Traumkulisse? Schneemassen in der Nacht zuvor, dazu Minusgrade. Pünktlich zum Start der Olympischen Winterspiele in Vancouver hatte Frau Holle auch Everswinkel erneut in ein Wintermärchen verwandelt. Ski und Rodel gut im Vitus-Dorf. Doch statt Alpin-Abfahrt und Bob-Rennen stand das fröhliche Schaulaufen der bunten Wagen und Fußgruppen auf dem Programm. Am 14. Februar um 14.11 Uhr, am Valentinstag. Der Tag manch ganz besonderer Liebe und der Tag der närrischen Zuneigung. Keine Frage: Heiße Gefühle waren am Sonntag gefragt, in jeder Beziehung, denn der 35. Everswinkeler Karnevalszug wurde zur Party mit dem Polarexpress.

Bangen am Abend vorher bei der Everswinkeler Karnevalsgesellschaft EKG). Schneefall scheinbar ohne Ende, und am Morgen wurde schon beim Zug in Hoetmar überlegt, wegen der Witterung vielleicht absagen zu müssen, wie Dorf-Polizist Martin Baggeroer berichtete, der in beiden Orten am Start war. „Hoetmar sah sehr dramatisch aus.“ Doch im Vitus-Dorf schickte die Gemeinde morgens die letzten Salzreserven raus und bediente sich dabei eines Bank-Mottos: „Wir machen den Weg frei.“ Und damit wurde aus dem möglichen Albtraum „mittlerweile ein Traum“, freute sich Sven Dirksen von der EKG kurz vor dem Start mit der Sonne im Rücken.

Drei mächtige Böllerschüsse aus der Wagen-Kanone der Everswinkeler Ehrengarde - zur Sicherheit abgefeuert in Richtung freies Feld - waren das unüberhörbare Startsignal an der Freckenhorster Straße. Und schon auf den ersten Metern wurde deutlich, dass der Winter seinen Tribut gefordert hatte: Lücken in den Reihen der närrischen Zaungäste gibt´s in Everswinkel eigentlich nicht, diesmal schon. „Wir haben es sonst schon voller, aber das liegt wohl an der Nasskälte“, stellte er fest. Einzige Ausnahme: das „Sambadrome“, die Vitusstraße. Im Schmelztiegel der Narren wurde es auch diesmal eng. Schunkeln, trinken, singen, lachen, tanzen - die ganze Bandbreite karnevalistischer Prüfungen wurde einmal mehr erfolgreich abgelegt.

Hier ernteten die Karnevalswagen aus Everswinkel und zwölf Nachbarorten, die sehenswerten Fußgruppen und die Spielmannszüge aus Glückstadt, Müssingen sowie Albersloh den größten Jubel. Mittendrin zwei scheidende Karnevals-Präsidenten. Während Manfred Schlarmann mit barocker Perücke und edlem Gewand inmitten der prächtig ausstaffierten Everswinkeler Trachtengruppe im Stil des venezianischen Karnevals ins jecke Volk grüßte, thronte Guido Loick einmal mehr hoch oben auf der rollenden Burg des MGV-/BSHV-Elferrates samt Elferratsfrauen und Präsidentengarde und hatte sich für die letzte Fahrt sogar Pfarrer Heinrich Hagedorn an Bord geholt. Vielleicht für eine närrische Beichte? „Ich versuche, die letzten Jahre noch einmal Revue passieren zu lassen“, schmunzelte er vielsagend.

Vielfältiger wie in diesem Jahr war die Themenpalette der Motivwagen selten. Sie reichte von Schweinegrippe und Körperscanner über Opel und Westerwelle bis zu Wirtschaftskrise und 20 Jahre Mauerfall. Gleich vier Mal wurde Oktoberfest gefeiert, und auch die Helden der Kinder wie Sesamstraße, Sandmännchen und Simpsons waren dabei. Für Lokalkolorit sorgten der MGV, der ein Ärztehaus bauen will und die Hacketaler Spalter aus Alverskirchen, die angesichts der undichten Turnhalle resümierten, „Everswinkel lässt uns im Regen stehen“ und gleich für die Halle eine Stelle ausschrieben: Gesucht wird kein Dachdecker, sondern ein Bademeister. Die Gruppe „KGFF“ aus Telgte fragte sich dagegen als „Bürgermeister-­Findungskommission, „welches Schaf wird Bürgermeister?“ und präsentierte auf dem Wagen den Bauplan für eine funktionstüchtige Wahlurne. Mit neun Prinzessinnen ganz in Weiß hatten die „Party People“ aus Hoetmar unzweifelhaft die attraktivste Wagensicherungs-Truppe.

Die farbenprächtigsten und fantasievollsten Akzente setzten aber einmal mehr die Fußgruppen. Ob die venezianische Trachtengruppe, die Gruppe Tackamarohr als süßes Konfekt, die Damengarde als Furcht einflößende Vampir-Ladys, die Schießgruppe als wandelnde Zielscheiben, die Gruppe „Melk die Kuh“ noch einmal vor der Einschulung, die Kegelfrauen vom „Rollenden Glück“ als muntere karierte Bettfrauen, oder die Möhnen als fesche Stewardessen-Truppe von der brandneuen Möhnen-Air. Nie gehört? Einfach mal Kontakt aufnehmen und abheben. Und schließlich zogen noch die Lillifeen beziehungsweise Elfen die Blicke auf sich. Sie wollten als Fußgruppe „nicht aus dem Rahmen fallen“ und luden zur laufenden Vernissage des neuen Kombi-Kunstprojekts „Wowas Galerie der pinken Winkel“ ein. Merke: Karneval ist eben auch eine Kunst.

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