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Serie: Familie heute

Patchwork: Paar brachte je zwei Kinder mit in die Familie - und gemeinsamen Sohn

Julia Gottschick

Greven - Wenn Renate Kühlert und Christoph Spieker in die Kur fahren wollen, muss jeder von ihnen bei der Kasse drei Kinder angeben. „Zusammen aber sind es fünf, das sorgt manchmal für Verwirrung“, sagt Spieker. Beide haben je zwei Sprösslinge aus früheren Beziehungen in die Familie gebracht. Benjamin, der jüngste, ist ihr gemeinsamer Sohn. „Das Bindeglied“, sagt Renate Kühlert.

17 Jahre ist es her, da erfuhr das Leben der Grevenerin eine dramatische Wende. Mit ihrem damaligen Mann und den zwei kleinen Töchtern - Theresa und Miriam - in Ungarn unterwegs, wurde ihr Wagen kurz vor Budapest von einem Jeep gerammt. Der Familienvater überlebte den Unfall nicht, und die heute 19-jährige Miriam erlitt ein Schä­del-Hirn-Trau­ma, fiel ins Wachkoma.

„Binnen einer Mi­nute wurde alles neu geschrieben“, umreißt Renate Kühlert mit wenigen Worten die schier unfassbare Situation. Weitermachen, den Alltag stemmen, wieder auf die Beine kommen - dabei halfen ihr die Eltern und Schwiegereltern, aber auch die Freunde und Bekannten aus Greven. „Wenn dich Leute auf der Straße ansprechen und fragen, ob sie etwas tun können, dann gibt das Kraft.“

Im Kindergarten lern­te The­­­resa dann Marie kennen, die Tochter von Christoph Spieker. „Wir waren beste Freundinnen, träum­ten davon, Schwestern zu sein“, sagt Theresa. Dass der Traum in Erfüllung ging, lag unter anderem an einer Krisensitzung im Kindergarten, anberaumt „we­­gen der zahlreichen Trennungen in Elternkreisen“, erinnert sich Renate Kühlert. Vor der Tür unterhielt sie sich noch lange mit Christoph Spieker, dessen damalige Beziehung bereits in der Endphase steckte.

„Klar war das schwer, als sich unsere Eltern getrennt haben“, räumt Marie Spieker ein, „ich war damals vier - und mein Vater nahm eine halbe Stelle an, um für uns da sein zu können.“ Unterm Strich aber habe diese Erfahrung sie erst zu dem Menschen gemacht, der sie heute sei. Christoph Spieker hatte Marc und Marie jeden Donnerstag und jedes zweite Wochenende. „Das war Alltag“, sagt er, „und ich musste erst wieder lernen, wie das allein überhaupt geht.“ Für seine beiden Kinder war das eine schmerzhafte Zeit. „Wenn du bei dem einen Elternteil bist, dann hast du auch nach dem anderen Sehnsucht, kannst das aber nicht äußern, weil das wiederum den ersten unglücklich macht“, sagt Marc.

Marie für ihren Teil war jüngst für ein Jahr in Amerika. Zeit, um Dinge sacken zu lassen, „zu begreifen: wohin gehöre ich?“, gesteht die 17-Jährige. „Doch wenn ich heute sehe, wessen Verhaltensweisen ich mitbekommen ha­be, dann weiß ich, wo meine Kernfamilie ist.“ Klar wird: Das Patchwork-Konzept ist nicht immer einfach zu praktizieren. „Heilsam war für mich der Gedanke: Ich kann und muss nicht alles sofort lösen. Das braucht Zeit, um finanziell und vom Gefühl her glatt zu laufen“, sagt Spieker. „Zehn Jahre vielleicht.“

Und doch hatte die Entwicklung auch ihre erheiternden Seiten. Spiekers erste Übernachtung bei den Kühlerts etwa endete damit, dass der Kater das Kissen markierte. Renate Kühlert muss lachen, wenn sie daran denkt. „Für den stand ganz klar fest, er ist der Mann im Haus.“

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