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Patient ist mit Uran belastet

Klaus Wiedau und Julia Gottschick

Gronau/Münster - Im Zusammenhang mit dem Unfall in der Gronauer Urananreicherungsanlage wird die Staatsanwaltschaft Münster ein Verfahren wegen „des Verdachts der Freisetzung ionisierender Stahlen“ einleiten. Dies bestätigte am Wochenende Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer. „Wir werden die Umstände des Vorgangs bei Urenco überprüfen.“ Dazu werde sich die Behörde der Experten des Bundesamtes für Strahlenschutz und anderer Fachdienststellen bedienen, so Schweer weiter.

In Gronau soll der Fall nach dem Willen einzelner Stadtratsmitglieder auch ein politisches Nachspiel haben. Am Rand einer Demonstration vor dem Gronauer Rathaus kündigten gestern sowohl die SPD-Fraktion als auch Politiker der Grün-Alternativen Liste (GAL) an, kurzfristig eine öffentliche Sondersitzung des Rates beantragen zu wollen. Themen sollen die Sicherheit der Bevölkerung und der Mitarbeiter des Unternehmens sein. Kurt Rehbein, Fraktionschef der SPD: „Wir müssen uns intensiv mit Rettungsszenarien auseinandersetzen. Denn die Odyssee, die der verletzte Arbeiter durch drei Krankenhäuser hinter sich bringen musste, bevor er in die entsprechende Behandlung gekommen ist, ist erschreckend.“ Dies gelte auch für den als „sauber und gewaschen“ bezeichneten Behälter, der zu dem Vorfall geführt habe. An der Demonstration vor dem Gronauer Rathaus beteiligten sich gestern rund 80 Kernkraftgegner aus Gronau, aber auch aus der Region.

Unterdessen steht fest, dass der Ar­beiter, der am Donnerstag bei dem Störfall in Deutschlands einziger Uranfabrik in Gronau radioaktiv verstrahlt wurde, Spuren von Uran im Urin hat. Das haben Mediziner am Universitätsklinikum Münster nachgewiesen, wo der 45-Jährige derzeit behandelt wird. Wie ein Sprecher der Klinik am Wochenende sagte, sei der Zustand des Mannes gut. Derzeit könne jedoch noch nicht gesagt werden, ob bei ihm mit Frühschäden zu rechnen sei. Erkenntnisse dazu werden heute erwartet, auch wenn es für eine langfristige Prognose noch zu früh sei. Kontinuierlich würden Proben zur Auswertung ins regionale Strahlenschutzzentrum in Jülich geschickt.

Die Ärzte an der Klinik für Nuklearmedizin hätten mit ersten Therapiemaßnahmen begonnen: Der Patient erhalte „Infusionen und trinkt viel, damit die aufgenommenen Substanzen schneller ausgeschieden werden“, so Prof. Otmar Schober, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin. Von dem Mann gehe keine Gefahr für andere Menschen aus, betonte er noch einmal. Eine Verstrahlung könne bei ihm allerdings Schäden in Niere, Leber und Lunge nach sich ziehen. Über seinen weiteren Aufenthalt in der Klinik wird Anfang der Woche entschieden.

Bereits am Samstag hatten bei zwei Kundgebungen in Nordrhein-Westfalen Atomkraftgegner für ein Festhalten am Atomausstieg demonstriert. In Gronau gingen Aktivisten der Umweltschutzorganisation „Greenpeace“ vor einer Halle der Betreiberfirma der Urananreicherungsanlage Urenco auf die Straße. Die Protestaktion dauerte rund zwei Stunden. Mit einem Autokorso aus 22 Fahrzeugen protestierten hingegen Atomgegner gegen geplante Atommüll­Transporte von Jülich ins Zwischenlager Ahaus. Die rund 80 De­monstranten fuhren unter dem Motto „Dem Castor entgegen“ von Ahaus durch Ruhrgebiet und Rheinland bis zum Forschungszentrum Jülich. Gestern dann gingen in Gronau erneut rund 80 Kernkraftgegner, darunter auch Politiker des Stadtrates, auf die Straße.

Konsequenzen fordert nach dem Störfall die frühere NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne). „Es muss eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle geben“, sagte sie.

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