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Personalie Steinbach weiter umstritten

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Es ist erschreckend. Fast 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kann die Geschichte immer noch für innen- wie außenpolitischen Streit sorgen. Die Auseinandersetzungen um die Erinnerungsstätte „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ führen zu handfesten Konflikten mit dem Nachbarn Polen. Woran liegt das? Vor allem an Wahrnehmungsstörungen auf beiden Seiten.

In Deutschland ist die Erinnerung an Flucht und Vertreibung in der Folge des Nazi-Terrors jahrzehntelang vernachlässigt worden. Die Vertriebenenverbände hatten sich teilweise in eine revanchistische Ecke manövriert. Erst in den 90er Jahren ändert sich das. In Polen herrscht die Angst, ein wieder erstarktes Deutschland könnte versuchen, seine eigene Geschichte rein zu waschen, die eigene Schuld am Übel zu verwischen.

Erika Steinbach personifiziert diesen Konflikt auf geradezu groteske Weise. In Polen wird die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen zum Synonym für einen vermeintlichen neuen deutschen Revanchismus. Ihr vergisst man nicht, dass sie 1991 im Deutschen Bundestag gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gestimmt hat. Auch sei sie keine „echte“ Vertriebene. Verkannt wird, dass sie durchaus zu Versöhnungsgesten fähig ist.

Polen hat sich lange gegen das „Zentrum gegen Vertreibungen“ gestemmt. Inzwischen hat Wladyslaw Bartoszewski, der eigentlich besonnene Diplomat, die Errichtung des Erinnerungsortes akzeptiert. Nur Steinbach als Mitglied im Kuratorium, das sei „unerträglich“. Die Angriffe gegen Steinbach sind nur als politisches Symbol zu erklären. Die im Grunde deutschen-freundliche Politik des polnischen Regierungschefs Tusk braucht ein Zeichen, nicht in allen Punkten nachzugeben.

Jetzt poltern einige Vertriebenenfunktionäre, ohne Steinbach brauche man die Erinnerungsstätte nicht. Das geht am Inhalt vorbei. Es lässt sich der Versöhnungsauftrag nicht aufrechterhalten, wenn man die Befindlichkeiten der Nachbarn ignoriert. Viel wichtiger ist, dass die Vertriebenenverbände bei dem Geschichtsprojekt mitmachen, nur so können die historischen Wahrnehmungsstörungen beiderseits überwunden werden.

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