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Wahl des Bundespräsidenten

Peter Sodann - Kandidat zwischen Schauspiel und Politik

wn

Berlin - Peter Sodann wollte „lieber ein politisch denkender Schauspieler als ein schauspielernder Politiker“ sein. Deswegen hatte er zumindest 2005 bei der Bundestagswahl auf eine Spitzenkandidatur für die Linkspartei verzichtet.

Denn im Falle seiner Wahl hätte er seine jahrelange Rolle als „Tatort“-Kommissar Bruno Ehrlicher aufgeben müssen. Die ARD wollte keinen Ermittler im Fernsehen, der auch im Bundestag auftritt. Und Sodann wollte lieber Schauspieler bleiben. 2007 fiel dann die Klappe. Nach 45 Folgen war Schluss mit Ehrlicher und Sodann wurde doch noch Spitzenkandidat der Linken - für das höchste Amt im Staat, für die Bundespräsidentenwahl am 23. Mai. Dass er inzwischen ein Politiker geworden ist, bezweifeln viele - aber vielleicht doch ein schauspielernder Politiker.

„Tatort“-Fans beschrieben Bruno Ehrlicher so: Seine größte Waffe ist seine Unauffälligkeit. Der Kommissar hat Erfolg, weil er schlicht auftritt und seine Gegner ihn unterschätzen. Er stammt aus einfachen Verhältnissen. Als Einzelgänger ist die Zusammenarbeit mit ihm nicht immer einfach. Hinter der Fassade des muffligen Kripobeamten verbirgt sich aber ein sensibler, gutmütiger Menschenfreund. Ganz nach dem Geschmack eines großen Publikums.

Die Realität des Peter Sodann ist ähnlich. Er mag keine großen Auftritte, Posen oder Verkleidungen. Statt in nobler Karosse vorzufahren, schlendert der Präsidentschaftskandidat mit seiner alten Aktentasche in der Hand und in normalen Klamotten durch die Straßen. Der Darsteller wirkt im wirklichen Leben wie seine Figur Ehrlicher mürrisch und möchte doch nur eins: Frieden in der Welt.

Der 72-Jährige ist in den Monaten seiner Kandidatur oft gescholten worden. Als peinlich wurden Äußerungen über seine Vorliebe für Kreuzworträtsel empfunden und als ungeschickt einige Einlassungen zu Verfassung und Demokratie. „Sozialismus oder so etwas Ähnliches“ würde er gern aufbauen. Was ist so ähnlich? „Wo die Menschen alle gleich sind“, sagt Sodann. Und weil er weiß, dass das als Vision nicht reicht, fügt er an: „Das klingt jetzt auch wieder primitiv.“ Das kümmert ihn aber nicht groß. Je einfacher er sich ausdrückt, desto größer die Chancen, dass ihn jeder in der Bevölkerung versteht, glaubt er. Er selbst versteht sich als Mann des Volkes.

Er liebt auch die Ironie und bedenkt oft nicht, dass nun die Kunst der Politik und nicht die des Schauspiels gefordert ist. Was in Film und Theater wohltuend bissig wirkt, wird von Zuhörern bei Politikern oft missverstanden. Das Augenzwinkern des Bruno Ehrlicher kann Peter Sodann in Zeitungsinterviews schwerlich rüberbringen.

Der gelernte Werkzeugmacher, Schauspieler, Theaterregisseur, Intendant und nun Bundespräsidentenkandidat wurde am 1. Juni 1936 in Meißen als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Sein Vater starb 1944 im Krieg - für ihn ein bitterer Verlust, wie Sodann einmal sagte. 1980 wurde er Schauspieldirektor in Halle und baute dort eines der bedeutendsten ostdeutschen Kulturzentren, das „neue theater“ auf. Über Sodann heißt es: Er setzte auf kritische Aufführungskonzepte ohne elitär-intellektuelle Experimente.

Zu DDR-Zeiten waren auf ihn zeitweise bis zu 80 Stasi-Spitzel angesetzt. Als Mitglied des Studentenkabaretts „Rat der Spötter“ wurde er 1961 nach einer satirischen Aufführung aus der SED geworfen und neun Monate ins Gefängnis gesteckt. Sodann hat daraus nie Kapital geschlagen. Auch als Präsidentschaftskandidat spricht er kaum darüber. Der Grund: „Das ist schwierig, das alles zu erklären. Das geht eigentlich gar nicht.“ Für den Menschenfreund Sodann gilt Vergebung statt Vergeltung. Eine Chance bei der Wahl am 23. Mai hat die Linke mit ihrem parteilosen Sodann nicht. Warum hat er dann kandidiert? „Ich wollte schon mal Präsident werden oder König - als Kind.“

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