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Pingpong im Konzentrationslager

Hans Gerhold

Wenn KZ-Häftlinge normale Alltagskleidung tragen, von der Lagerleitung mit „Liebe Juden“ begrüßt werden und in der Freizeit Pingpong spielen dürfen, wähnt man sich anfangs in einer Satire. Doch die Sache stimmt: In den letzten Kriegsjahren 1944/45 wurden im KZ Sachsenhausen jüdische Drucker, Retuscheure und Fälscher in den Blocks 18 und 19 zusammengelegt, um für das Deutsche Reich britische Pfundnoten und amerikanische Dollars im großen Stil zu fälschen, damit Wirtschaft und Devisenkraft alliierter Gegner unterminiert wird. Deckname: Operation Bernhard.

Der überlebende Adolf Burger, heute 90, hat darüber seine Lebenserinnerungen „Des Teufels Werkstatt“ geschrieben, nach denen der Wiener Regisseur Stefan Ruzowitzky („Anatomie“) ein eindringliches und irritierendes KZ-Drama inszeniert hat. Irritierend, weil er mit Salomon Sorowitsch (hervorragend: Karl Markovics) einen Mann in den Mittelpunkt stellt, der überleben, anpassen, tricksen und durchkommen will und ein eher widerspenstig widersprüchlicher „Held“ ist.

Eingeführt wird Sorowitsch in kurzen Szenen nach Kriegsende in Monte Carlo, wo er fast wie im neuen James-Bond-Thriller Unmengen Geld am Casinotisch gewinnt und das Leben genießt. Eine Rückblende führt ins Berlin von 1936, wo er als König der Geldfälscher, Spieler und Lebemann Pässe herstellt und im Bett mit der aparten Aglaia (Marie Bäumer), die einen Pass benötigt, von Kommissar Herzog (Devid Striesow) verhaftet wird. In den KZs wuselt und wieselt sich Sorowitsch mit Malaufträgen durch, bis er nach Sachsenhausen verlegt wird, wo Herzog als Lagerkommandant Karriere gemacht hat.

In den folgenden zentralen Szenen geht es um das altbekannte moralische Dilemma. Soll man für die Bösen arbeiten? Dem stets lavierenden Pragmatiker ohne Ideale steht mit dem Kommunisten Adolf Burger (August Diehl) ein Drucker gegenüber, der die Arbeiten an den Banknoten sabotiert. Auch hier irritiert der Film grandios, wird Burger doch einmal beinahe von den anderen gelyncht.

Kein einfacher Film, vielmehr komplex und bedacht, Würde und Menschlichkeit in Zeiten von Krieg und KZ zu thematisieren. Für Sorowitsch gibt es übrigens nach Öffnung des Lagers kein hinlängliches Happy End. Denn der Film muss zeigen, wie es in Monte Carlo weitergeht. Sehenswert.

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