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Strauss-Kahn bei Sozialisten rehabilitiert?

Politischer Risikofall

wn

Vom Gefängnis in New York zum sozialistischen Präsidentschaftskandidaten in Frankreich? In atemberaubendem Tempo scheint Dominique Strauss-Kahn seine politische Rehabilitation im eigenen Land zu gelingen. Die Vorwürfe gegen den einstigen Vorzeige-Franzosen und seine gnadenlose Zurschaustellung vor dem New Yorker Gericht haben dem Nationalstolz der Grande Nation schwer zugesetzt. Doch warum der gefallene Held nun wieder zum strahlenden Hoffnungsträger aufgebaut werden soll, bleibt für Nichtfranzosen ein Rätsel.

Die Sozialisten mahnen, künftig besonnener politische Sachverhalte zu bewerten. Doch ihr spontaner Eifer, Strauss-Kahn auf den politischen Schild zu heben, ist genau eine der vorschnellen Aktionen, vor denen sie warnen. Vielleicht ist sie der Angst geschuldet, mit blassen Kandidaten wie François Hollande oder Martine Aubry hinter dem Front National im Abseits zu landen. Denn die Rechtsextremen erhalten derzeit mit der Tochter von Parteigründer Jean Marie Le Pen viel Rückenwind.

Strauss-Kahn bleibt ein politischer Risikofall. Denn das Verfahren wegen versuchter Vergewaltigung läuft weiter. Zwar ist die Glaubwürdigkeit des Dienstmädchens dahin - doch das Image des einstigen IWF-Chefs ebenso. Selbst wenn die Vorgänge in der Hotelsuite einvernehmlich gewesen sein sollten. Denn viele andere Details seines Privatlebens sind ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt worden. Sollte Strauss-Kahn freigesprochen werden, könnte in Frankreich eine neue, pikante Anklage auf ihn warten. Die Enthüllungen haben ihn zum Prototypen des reichen, machtversessenen Mannes gemacht, der sexuelle Gelüste skrupellos auslebt.

Das ist eine Charakterfrage. Strauss-Kahn ist nicht schlechter als andere, reden ihn sich manche schön. Sie sehen in seinem Verhalten ein Kavaliersdelikt. Die Liste, auf die sie sich berufen können, ist wahrlich lang - im Moment wohl angeführt von Silvio Berlusconi. Auch wenn Strauss-Kahn als Opfer der New Yorker Affäre dasteht: Sollte er kandidieren, wäre der politische Anstand wohl das größere Opfer.

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