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Post aus Chilibulo: Ein Zivildienstleistender berichtet

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Infos aus erster Hans über Chilibulo: Der Ahauser Kolja Schürmann arbeitet derzeit als Zivildienstleistender in dem Kinderheim. Mit freundlicher Genehmigung der Familie dürfen die WN einen Rundbrief publizieren, der an alle Freunde und Förderer des Hilfsprojektes geschickt wurde:

Nach drei Monaten ist es nun an der Zeit für mich, einmal eine etwas ausführlichere Mail zu schreiben. Wenn es für euch das erste Lebenszeichen von mir aus Ecuador sein sollte, dann möchte ich mich herzlich entschuldigen, dass ich vorher noch keine Zeit gefunden habe, euch zu schreiben. Vielleicht haben einige ja auch indirekt bereits erfahren, dass ich bei guter körperlicher und hinreichender geistiger Gesundheit bin. Hoffentlich langweilt euch die mehr oder weniger nüchterne Beschreibung meines Lebens hier in Quito nicht, aber lustige Anekdoten müssen auf einen privateren Rahmen warten. Diese Mail darf gerne an alle, die sie interessieren könnte, weitergereicht werden, denn ich weiß nicht, wen genau dies mit einschließt und ich habe auch längst nicht die Emailadresse von allen.

Ankunft: Wie einige oder vielleicht die meisten von euch wahrscheinlich wissen, war ich von Mitte Juli bis Ende August bei meiner Gastfamilie in Uruguay und habe dort Ferien gemacht, die mir ausgesprochen gut gefallen haben und einen Abschluss für das Leben in einer Familie bilden sollten. Am Mittwoch den 29. August flog ich dann über Santiago de Chile und Guayaquil (Küstenstadt in Ecuador) nach Quito. Am Flug war nichts besonderes, nur wurde mir bei der Ankunft in Quito bewusst, dass ich die Leute, die mich abholen wollten, noch nie gesehen hatte und sie mich leider genau so wenig kannten. Zum Glück haben wir uns aber doch irgendwie erkannt: Es war die Ärztin der Kindertagestätte mit ihrem Mann und ihrem 19-jährigen Sohn, der fließend deutsch spricht. Nur für den Fall, dass ich kein Spanisch spräche. Ich wurde sehr herzlich empfangen und sollte die nächsten anderthalb Tage bei ihnen wohnen, da das Schuljahr noch nicht begonnen hatte und auch die Kindertagesstätte erst am Montag ihren Betrieb aufnehmen sollte. Sebastián, der Sohn der Ärztin hat mich auch gleich auf ein paar Drinks zu einigen Freunden eingeladen, die ich selbstverständlich mit meiner angeborenen Höflichkeit nicht ablehnen konnte. Am Donnerstag hab ich dann erst mal mit meiner Familie in Deutschland kommuniziert, um sie wissen zu lassen, dass es mir sehr gut ging. Am Abend kam dann Simon (mit dem ich den Dienst hier absolviere) aus Deutschland an. Weil es am nächsten Tag früh losgehen würde, sind wir beide relativ früh zu Bett gegangen. Relativ früh deswegen, da wir unsere Wohnung beziehen würden, die nah bei unserem Arbeitsplatz liegt, der sich im ärmeren Süden Quitos befindet. Und da es gegen Mittag eine Besprechung mit den zukünftigen Kollegen geben sollte, mussten wir eben früh raus. Am Freitag Morgen fuhren wir also mit der Ärztin Martha und ihrem Gatten in den Süden, trafen dort die frommen Schwestern des Ordens, der uns hier so großzügig für sie arbeiten lässt und wurden von einer dieser Nonnen zu unserer Wohnung gefahren...

Die Wohnung: Erstmal: Keine Angst, ich werde nicht alles so ausführlich beschreiben wie die ersten zwei Tage, sondern das Wichtigste in Kapitel einteilen, so dass es lesbarer und sinnvoller wird. Von der Wohnung waren wir beide sehr angenehm überrascht. Uns war in Deutschland gesagt worden, dass wir in einem Viertel leben würden, das kaum besser als ein Slum sei, was in dieser Härte aber auch absolut nicht zutrifft. Unsere Wohnung war sauber (und ist es jetzt auch noch mal von Zeit zu Zeit), hat fließend Wasser und Strom, eine brauchbare Küche mit Gasherd und Kühlschrank und ein Bad, das meistens sogar uns eine warme Dusche bieten kann. Außerdem haben Simon und ich getrennte Zimmer. Das größte Manko sind die sehr bescheidenen Matratzen, die öfter für Rückenschmerzen und an Wochenenden für unhumane, also morgendliche, Aufstehzeiten verantwortlich sind. Um es kurz zu machen: Wenn ich als Student in Deutschland in einer ähnlichen Wohnung wohnen kann, wäre ich recht zufrieden.

Die Kindertagestätte und die Arbeit: Die meiste Zeit verbringe ich dort, jeden Tag von 8 bis 17.00 Uhr. Sie ist etwa 300m von der Wohnung entfernt und besteht aus einem einstöckigen Gebäude mit fünf Gruppenräumen für die verschiedenen Alterstufen, einem großen Speisesaal, einer recht gut ausgestatteten Küche und noch einigen kleineren Räumen wie Toiletten, zwei Büros und den Sprechzimmern der Ärztin und der Zahnärztin. Außerdem gibt es einen Spielplatz. Für deutsche Verhältnisse ist das Gebäude und vor allem die Ausstattung an Spielsachen sehr bescheiden: Das Dach ist aus Wellblech und bei stärkerem Regen nicht überall ganz dicht und die meisten Spielsachen sind aus Plastik und nutzen sich leider schnell ab. Andererseits ist alles Wichtige vorhanden und für die hiesigen Verhältnisse hat die Kindertagesstätte recht viel zu bieten.

Meine tägliche Routine sieht so aus, dass ich um 7.10 aufstehe, mich fertig mache und frühstücke und dann zur Arbeit gehe. Dort müssen erst mal die Kinder gefüttert werden, da sie, auch wenn meine Gruppe die 3- bis 4-jährigen sind, oft nicht richtig essen wollen oder können. Denn einige von ihnen sind unterernährt und nicht daran gewöhnt, regelmäßig zu essen; manche wissen nicht einmal richtig, wie man kaut. Das ist leider immer recht anstrengend. Dann müssen die Kinder auf die Toilette begleitet werden. Danach werden die Zähne geputzt. Ich helfe bei der ganzen Sache einer ecuadorianischen Erzieherin, bin also nicht allein mit den 20 Kindern. Aber man muss schon durchgängig aufmerksam sein, dass kein Kind verloren geht, die anderen Kinder haut oder sonstige Dummheiten macht. Um etwa halb 10 geht es zum Zähneputzen. Sodann werden bis halb 11 verschiedene Aktivitäten gemacht, also gebastelt oder Märchen erzählt. Das ist leider auch das einzige an der täglichen Routine, das sich ändert. Um halb 11 geht es für eine halbe Stunde auf den Spielplatz, das heißt immer etwas Entspannung für mich. Ab 11 gibt es das Mittagessen, wofür einige Kinder aus genannten Gründen bis zu 2 Stunden brauchen. Oft ist das die anstrengendste Zeit des Tages, vor allem, da ich dann manchmal auch schon etwas genervt von den Kindern bin. Im Anschluss müssen wieder alle auf die Toilette, dürfen noch etwas puzzlen, und dann bringen wir sie dazu zu schlafen, um selbst essen zu können. Oft ist dann auch noch eine halbe Stunde Zeit für mich, mich neben die Kinder zu legen und selbst etwas auszuruhen. Das Mittagessen wird immer in der Gruppe des gesamten Personals eingenommen und ist leider meistens nicht besonders lecker und recht eintönig, aber immerhin gesund. Freiwillig würde ich meine tägliche Portion Fleisch nicht gegen ein seltsames Süppchen eintauschen, aber dafür hat mein Aufenthalt ja auch positive Seiten. Seid etwa eineinhalb Monaten bin ich nachmittags immer bei der Hausaufgabenbetreuung, die in einem anderen Gebäude untergebracht ist, und mache da mit einer kleinen Gruppe von sechs 5-jährigen Kindern ihre „Hausaufgaben“. Das besteht hauptsächlich darin, ihnen etwas beim Ausmalen oder Zeichnen zu helfen und sie dann bis um kurz nach 4 zu beschäftigen. Dann gibt es nämlich noch eine kleine Stärkung, bevor sie nach Hause gehen.

Nun möchte ich noch kurz beschreiben, wie es mir bei der Arbeit geht. Die erste Woche war klasse, weil alles neu war und es unglaublich ist, wie herzlich und voll Vertrauen mich die Kinder empfangen haben. In der ersten Zeit habe ich hauptsächlich mit ihnen gespielt und die eigentliche Arbeit mehr Paola, der Erzieherin, überlassen. Hauptsächlich deswegen, weil ich einfach keine Ahnung hatte, wie ich ihnen zu essen geben sollte oder sie zur Ruhe bringen sollte. Dann setzte immer mehr die Routine ein, was die Arbeit einfacher aber leider auch langweiliger machte. Mittlerweile kann ich die meisten Kinder überzeugen zu essen, die Gruppe einigermaßen ruhig halten und bin auch sonst eine gute Hilfe für Paola, glaube ich, auch wenn ich es immer noch nicht schaffe, die ganze Gruppe zum Zähneputzen zu führen oder ins Bett zu bringen, weil immer einige Kinder dabei sind, die einfach nicht auf mich hören. Es sind eben recht schwere Fälle unter ihnen, da sie nicht in der Geborgenheit aufwachsen, die für die meisten deutschen Kinder normal ist. Vor etwa 3 Wochen war ich sehr erschöpft von der Arbeit und für einen Tag krank, was mir dann ein 4-tägiges Wochenende beschert hat. Danach war ich dann wieder guter Dinge und konnte die Arbeit einigermaßen frisch angehen. Um auch dies etwas zusammenzufassen: Die Arbeit ist OK, sie macht mir nur selten wirklich Spaß und ist anstrengend, aber ich bin froh, dass ich sie machen kann. Es gibt einfach sehr motivierende Situationen, wie zum Beispiel, dass jeden Morgen mich alle Kinder umarmen wollen und ich besonders bei „meiner“ Gruppe der 5-jährigen merke, wie sehr sie mich mögen und mir vertrauen.

Das Junggesellenleben: Die von euch, die mit meinen Koch- und Hausmannskünsten vertraut sind, können sich wahrscheinlich denken, dass ich hier das ein oder andere dazu lernen musste und immer noch muss. Es war schon eine recht große Umstellung, hier auf einmal einen Haushalt führen zu müssen. Andererseits klappt es eigentlich recht gut, die Wohnung ist zwar nicht immer tip-top sauber, aber für meine Ansprüche völlig in Ordnung. Das Essen, das Simon und ich kochen, ist zwar meistens recht ähnlich, also so etwas wie Nudeln mit Soße oder Sandwichs, aber recht lecker und einigermaßen gesund. Was mich nur nervt, ist, wenn ich nach einem harten Arbeitstag noch waschen, spülen und kochen muss. Dann hab ich nämlich wirklich kaum eine freie Minute. Aber Tage, an denen sich alles häuft, sind selten. Außerdem hat es mich echt überrascht, wie hoch die nötigen Ausgaben sind, insbesondere für Lebensmittel (und das obwohl ich zwei Kilo abgenommen habe, nur um Zweifeln vorzubeugen). Alles in allem konnte ich mich ganz gut an dieses Leben gewöhnen, aber ich vermisse auch manchmal das Von-anderen-versorgt-werden.

Die Freizeit: Da wir im Süden Quitos leben, der absolut nichts Touristisches und - soweit wir ihn kennen - auch an Freizeitmöglichkeiten nichts zu bieten hat, bleibt uns unter der Woche oft nichts anderes übrig, als die Nachmittage und Abende mit DVDs zu verbringen. Die sind hier zum Glück sehr billig. Etwa einmal die Woche geht’s in einen „Saunapark“, wobei das Wort etwas übertrieben ist. Es gibt eben ein Schwimmbecken, einige Saunen und Dampfbäder und einen Whirlpool. Um sich für zwei Stunden nachmittags zu entspannen, ist es aber klasse und zum Glück zu Fuß in gut 10 Minuten zu erreichen. Ansonsten kann ich aber nicht viel unter der Woche unternehmen, da es hier bereits um kurz nach 6.00 dunkel wird und das Viertel nicht gerade dazu einlädt, im Dunkeln hier herumzulaufen. Weil wir hier im Viertel wenig unternehmen, haben wir hier auch keine Freunde, mit denen wir uns auf ein Bierchen treffen könnten. Das bleibt dann alles für die Wochenenden übrig, die wir schon versuchen, so gut wie möglich auszunutzen, um etwas anderes zu sehen. Das heißt, wir gehen entweder tanzen, ins Kino oder treffen uns mit Freunden aus dem Norden Quitos (wobei es auch schon vorgekommen ist, das wir Freunde und die ersteren beiden Optionen kombiniert haben). Das Angebot entspricht dabei einer europäischen Großstadt (allerdings nur im Norden) und die Preise sind nur leicht günstiger. Auf jeden Fall haben wir am Wochenende immer unseren Spaß. Blöd ist nur, wenn nach einer anstrengenden Woche ein noch anstrengenderes Wochenende folgt, was dann nämlich wieder zu einer noch anstrengenderen Woche führt.

Ein weiterer Punkt der Freizeitgestaltung ist das Reisen. Natürlich will ich auch etwas von dem Land sehen, und hier gibt es wirklich einiges zu sehen. Leider sind viele Ziele viele Busstunden von Quito entfernt, so dass es sich an einem normalen Wochenende nicht lohnt, diese anzufahren. Deswegen haben wir auch noch den Oriente (also den Osten mit dem Regenwald) und die Küste nicht kennen gelernt. Die beiden verlängerten Wochenenden, die wir bisher hatten, haben wir genutzt, um Juan in Cuenca zu besuchen. Als nächstes kommt aber auf jeden Fall die Küste dran. Außerdem waren wir in Baños, ein kleiner Touristenort am Fuße eines aktiven Vulkans. Dort ist es wunderschön, sich in Thermalquellen zu entspannen, zu raften, gut und günstig zu essen oder eine Radtour zu einigen wunderschönen Wasserfällen zu unternehmen. Da wir bisher nicht alles geschafft haben, müssen wir auf jeden Fall noch öfter nach Baños fahren, es lohnt sich. Und wir waren noch mit der Ärztin Martha und ihrem Mann in Otavalo auf einem Indianermarkt, wo diese ihre traditionellen Handwerksarbeiten anbieten. Ideal um ein paar Weihnachtsgeschenke zu kaufen (aber macht euch keine Hoffnungen, ich werde nichts nach Deutschland schicken, die Post ist zu unsicher).

Das Land: Landschaftlich gesehen, ist Ecuador das wahrscheinlich schönste Land, das ich bisher kenne (und das ja auch nur zu sehr kleinen Teilen). Es gibt von Stränden über Hochgebirge und Regenwald wirklich einiges für Touristen zu sehen. Außerdem warten noch die Galapagosinseln, die ein Paradies sein sollen. Es ist einfach beeindruckend für einen Münsterländer, morgens aufzustehen und quasi auf dem Äquator auf einen schneebedeckten Gipfel zu gucken (leider nur bei klarem Wetter). Auch die Menschen hier sind mir sehr sympathisch. Ich wurde bisher immer freundlich begrüßt, niemand würde auf die Idee kommen, einen Deutschen schlecht zu behandeln (außer vielleicht ihn zu übervorteilen). Andererseits sind die Ecuadorianer zurückhaltender als beispielsweise die Uruguayer oder Deutsche, die sich einmal gut kennen. Das heißt derbe Witze sind meistens fehl am Platze, was ich schon beizeiten vermisse. Außerdem fällt mir auf, wie wichtig der soziale Rang hier für die Menschen ist, was zum Teil sicher an den großen Unterschieden zwischen arm und reich liegt. Zum Beispiel ist es für viele sehr schwer zu glauben, dass zwei Deutsche im ärmeren Süden Quitos wohnen, da Europäer fast automatisch zur Oberschicht zählen, die beinahe ausschließlich im Norden wohnt. Ein Indígena, also Indianer, kann sogar sehr wohlhabend sein und zählt dennoch nicht zur Oberschicht. Auch ist die Familie noch sehr viel traditioneller aufgebaut. Das heißt, der Vater bestimmt und die Kinder gehorchen bzw. müssen lügen, wenn sie es nicht tun. Außerdem ist der Machismo ziemlich stark ausgeprägt.

Ehrlich gesagt, weiß ich grad nicht mehr, was ich noch schreiben könnte. Natürlich gibt es noch sehr viel zu erzählen, aber viele Geschichten müssen auf einen privateren Rahmen und ein paar gemeinsame Bierchen warten. Ich hoffe, dass ich euch mit der Mail nicht gelangweilt habe, aber wenn ihr bis hier gekommen seid, scheint sie euch ja doch einigermaßen interessiert zu haben. Es können mir gerne alle, die das wollen, unter schreiben. Es kann leider manchmal etwas dauern, bis ich antworte, da die Zeit hier oft recht knapp ist, das Internet nicht funktioniert oder ich einfach damit beschäftigt bin, das Land kennen zu lernen. Falls sich jemand, der die Mail liest, dazu inspiriert fühlt, mir eine kleine Spende zukommen zu lassen, wäre das natürlich auch sehr in meinem Interesse. Dazu könnt ihr mit mir oder meinen Eltern Kontakt aufnehmen. Vielen Dank für euer Interesse an meinen Erfahrungen hier und ganz liebe Grüße an alle!

Kolja Schürmann

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