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Prag: Bund will Genscher-Balkon kaufen

Berlin/Prag - Die kleine Seitenstraße im Botschaftsviertel gehört für Deutsche zum Muss einer Prag-Visite. Genauso wie der Blick durch die Gitterstäbe in den Garten des Palais, das die böhmische Adelsfamilie Lobkowicz errichten ließ...

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Berlin/Prag - Die kleine Seitenstraße im Botschaftsviertel gehört für Deutsche zum Muss einer Prag-Visite. Genauso wie der Blick durch die Gitterstäbe in den Garten des Palais, das die böhmische Adelsfamilie Lobkowicz errichten ließ, seit 1974 genutzt von der bundesdeutschen Botschaft. Blickfang ist ein Trabi auf vier langstelzigen Beinen - Erinnerungs-Skulptur an das historische Geschehen vor nun genau 20 Jahren.

Über das Gitter kletterten im Sommer 1989 immer mehr DDR-Bürger. Am 30. September trat Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf den Gartenbalkon und rief den berühmten Satz, den niemand ganz hörte, weil er im Jubel unterging: „Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“

Eine der bewegendsten Szenen aus dem an tief berührenden Ereignissen so prallvollen Wendeherbst. Längst versuchte das Auswärtige Amt, das geschichtsträchtige Gebäude in Prag - in dem seine Diplomaten zur Miete residieren - zu kaufen. Doch die Tschechen winkten lange ab.

Am Montag signalisierte das Berliner Außenministerium, dass nun doch Bewegung in die Angelegenheit kommt. Zwei Gründe lassen die tschechische Regierung an Einlenken denken. Zum einen ist ihre Botschaft in Berlin dringend renovierungsbedürftig. Ohnehin handelt es sich bei der ehemaligen tschechoslowakischen Residenz aus den 70er Jahren an der Wilhelmstraße um ein Gebäude sozialistischer Architektur, das mit „monströser Komplex“ noch freundlich beschrieben ist. Und zu groß ist das Haus auch: 250 Mitarbeiter hatten einst in ihm ihre Büros - mehr Agenten als Diplomaten in jenen Zeiten des Kalten Krieges, wie zu vermuten steht. Heute arbeitet dort lediglich eine 28-köpfige Mannschaft.

Zum anderen steht in bester Lage nahe dem Bahnhof Friedrichsraße und dem Nobelboulevard Unter den Linden ein repräsentatives Gebäude derzeit leer, das die deutschen Außenministerialen nun ihren tschechischen Kollegen wärmstens empfehlen: An der Neustädtischen Kirchstraße findet sich ein ehemaliges Warenhaus für das Militär, das 1935 Haus des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages wurde. 1977 überließ es die DDR den Amerikanern als Botschaft.

1999 machte es die US-Regierung zu ihrer Vertretung im Nachwende-Deutschland. Vor einem Jahr zogen die Amerikaner in den Neubau am Brandenburger Tor um. Die Straßensperren um das alte Gebäude, das dem Bund gehört, wurden abmontiert. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hält den Komplex nun für eine neue Nutzung parat.

Für die tschechische Republik? Immerhin haben sich beiden Seiten schon auf einen Gutachter verständigt, der die Immobilien in Prag und Berlin bewerten soll - Basis für einen Besitz-Tausch.

Bestandteil eines solchen Geschäfts wären auch präzise Festlegungen über die künftige Nutzung, versicherte Jens Plötner, der Sprecher des Auswärtigen Amtes: Haus ertauschen und dann mit sattem Gewinn weiterverkaufen geht nicht. Wobei die Transaktion für Tschechien noch einen heiklen Aspekt hat: Was geschieht mit ihrer jetzigen Botschaft in Berlin? Käufer dürften nicht gerade Schlange stehen. Attraktiv ist allein das Grundstück. Aber an leer stehendem günstig gelegen Büroraum mangelt es gegenwärtig in Berlin ohnehin nicht.

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