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Prozess um Babys in der Tiefkühltruhe: Staatsanwältin fordert acht Jahre Haft

Münster - Mit Tränen reagierte Monika H. am Mittwoch auf die Forderung von Staatsanwältin Gerrit Bischoff: Acht Jahre Haft dafür, dass die mehrfache Mutter aus Wenden im Siegerland 1988 ihr neugeborenes Kind durch aktives Tun und 2004 ein weiteres durch Unterlassen tötete. „Das Unrecht hier ist riesengroß, diese Babys waren ihr komplett ausgeliefert“, so Bischoff. „Die Kinder...

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Münster/Wenden - Mit Tränen reagierte Monika H. am Mittwoch auf die Forderung der Staatsanwältin: acht Jahre Haft dafür, dass die mehrfache Mutter aus Wenden im Siegerland 1988 ihr - im eigenen Bad lebend geborenes - Baby „durch aktives Tun und 2004 ein weiteres durch Unterlassen“ tötete. In beiden Fällen habe sie die Kinder danach in der heimischen Tiefkühltruhe versteckt. „Das Unrecht hier ist riesengroß, diese Babys waren ihr ausgeliefert“, so Bischoff. „Die Kinder wären heute 24, 21 und sechs Jahre alt, durften aber nur wenige Minuten leben“. Das Landgericht Siegen hatte die heute 46-jährige Monika H. 2008 in erster Instanz zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Im Revisionsprozess vor dem Landgericht Münster geht es nun darum, das Strafmaß für die letzte Tat festzulegen, und um die Frage, ob Monika H. ihr Kind 1988 durch minutenlanges, festes An-sich-Drücken tötete. Die Tat aus dem Jahre 1986 ist verjährt. Laut Staatsanwältin „sollten diese Kinder nie überleben“. Dafür spreche, dass Monika H. während der Schwangerschaft 1988 kein Zimmer herrichtete und auch ihrer Familie nichts von der bevorstehenden Geburt sagte. „Sie verheimlichte alles.“ Auch 2004 sei die erneute Schwangerschaft ungewollt gewesen. Die Angeklagte habe viel Alkohol getrunken, obwohl sie um die schädliche Wirkung gewusst habe. Gegen eine versehentliche Tötung der Kinder spricht laut Anklage die Art des Todes. Was etwa die Geburt 1986 unter der Dusche betreffe, sei die Einlassung der Mutter, sie habe das Neugeborene versehentlich unter das laufende Wasser gehalten, nicht haltbar. Einem Sachverständigen zufolge müsse man einen Säugling gezielt unter den Strahl halten und Wasser in Mund und Nase laufen lassen, um ihn zu ersticken. Auch die Beschreibung der Verteidigung, Monika H. habe 1988 ihr Kind im Rausch der Geburtshormone versehentlich zu lange an sich gedrückt, sei „absurd“. Die Staatsanwältin: „Um die Atemwege derart zu blockieren, muss sie bis zu acht Minuten sehr fest gedrückt haben. Das passiert einer erfahrenen Mutter nicht.“ Zum Falle von 2004 sagte sie: „Hätte sie gewollt, dass das Kind überlebt, hätte sie einen Notarzt rufen können.“ Stattdessen habe sich Monika H. im Nachhinein weder an den Tag noch an die Jahreszeit erinnert, an dem die Kinder geboren seien, habe nicht nach dem Geschlecht geschaut. Namen hätten die Babys gar nicht bekommen. Erst nach der zufälligen Entdeckung der Kinder 2008 in der Tiefkühltruhe der Familie habe der Vater sie vor der Beisetzung Paula, Anne und Christine getauft. An den sexuellen Missbrauch in der Kindheit durch ihren Bruder, den Monika H. als Grund für ihre Phobie vor Ärzten angibt, mag die Staatsanwältin nicht glauben. „Selbst wenn es ihn gegeben haben sollte, war Monika H. dazu fähig, sich während der gewollten Schwangerschaft mit ihrer Tochter gynäkologisch betreuen zu lassen“. Als strafmildernd berücksichtigte die Anklage die „Haftempfindlichkeit einer Frau, die in der Hackordnung einer Justizvollzugsanstalt ganz unten rangiert. Da sind andere Mütter inhaftiert, die für ein solches Verhalten wenig Verständnis hätten.“ Die Anwälte von Monika H. forderten am Mittwoch einen Freispruch für die Tat im Jahre 1988. Monika H. habe die Babys „nicht mit Absicht im Badezimmer zur Welt gebracht und sei von den Abläufen selbst überrascht worden“. Ihre Alkoholabhängigkeit, kombiniert mit einer hirnorganischen Beeinträchtigung und einer Persönlichkeitsstörung lasse insbesondere für die Tat von 2004 auf eine Verminderung des Steuerungsvermögens schließen. Deshalb beantragte die Verteidigung, das vom Landgericht Siegen beschiedene Strafmaß in eine Bewährungsstrafe umzuwandeln. In diesem Revisionsverfahren, so die Verteidigung abschließend, gehe es darum, Monika H. „zu einer Art von Auferstehung zu verhelfen“. Sie sei in ihrer Kindheit schwer verletzt worden und habe „erst durch die Entdeckung der Babyleichen die Chance erhalten, lang verschüttete Dinge wieder aufzudecken und zu verarbeiten.“

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