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Münster-Wolbeck. 30 Jahre war Dr. Franz Kappenberg Chemielehrer am Gymnasium Wolbeck und leitet seit 1986 den Regionalwettbewerb „Jugend forscht“. Mit 242 Wettbewerbsbeiträgen waren Kappenbergs Schüler die eifrigsten Teilnehmer und heimsten auch auf Landes- und Bundesebene Preise und Anerkennung ein. Jetzt geht der 62-Jährige in die Freistellungsphase seiner Altersteilzeit. Über den Stellenwert der Naturwissenschaften in der Schule und seine Begeisterung für das Fach Chemie sprach WN-Redakteurin Bettina Goczol mit dem Lehrer.

Wie haben Sie Ihre Begeisterung für die Chemie entdeckt?

Kappenberg: Als Kind habe ich Maschinen auseinander- und wieder zusammengebaut, später habe ich mit Karbid geböllert. Das war noch alles sehr unwissenschaftlich und eigentlich mehr ein Ausprobieren.

Wann kam der Dreh?

Kappenberg: Ich sollte Priester werden wie mein Großonkel, der Weihbischof war. Aber ich hatte viel mehr Spaß an der Physik. Schließlich bin ich in einem Chemiekurs gelandet, weil man neben zwei Sitzenbleibern einen weiteren Schüler brauchte, um die Mindestzahl von drei zu erreichen. Chemie war mir immer noch lieber, als Pastor zu werden.

Mit Chemie als Schulfach haben Sie aber auch eine schwierige Mission übernommen, oder?

Kappenberg: Ich war ja eigentlich kein Lehrer, sondern Diplom-Chemiker. Als die Pädagogische Hochschule und die Uni zusammengelegt wurden, gab es keine Stelle mehr für mich. Aus Jux habe ich es mal an der Schule probiert. Das war die Chance meines Lebens, weil ich hier meine Begeisterung für die Physik, das Experimentieren in der Chemie – durch Elektronik unterstützt – und den Umgang mit den Schülern ideal verbinden konnte.

Wie haben Sie es geschafft, Begeisterung bei den Schülern für so ein schwieriges Fach zu entfachen?

Kappenberg: Wenn man selber begeistert ist, springt der Funke einfach über. Aber jeden erreicht man nicht. Mein Steckenpferd waren die Low-cost-Experimente, also mit wenig Aufwand gute Experimente machen. Mein Ziel war es, dass nicht die Lehrer, sondern die Schüler experimentieren. Dafür habe ich mit einfachen Mitteln Geräte entwickelt, mit denen die Kinder selbstständig umgehen können.

Was braucht man, um ein guter Naturwissenschaftler zu werden?

Kappenberg: Man braucht Begeisterung und eine spezielle Logik. Mir geht es nicht unbedingt darum, dass meine Schüler Karriere als Chemiker machen. Mein Hauptziel ist es, dass sie die naturwissenschaftliche Denkweise mitkriegen. Ich habe bei den Schülern den Ruf, alles chaotisch zu machen, nach dem Motto „Bei Kappi ist Chaos“. Erst später begreifen viele den Sinn, warum man in den Naturwissenschaften erstmal alles in Zweifel zieht. Die Schüler wollen gerne häppchenweise lernen. Mir ist aber die Quervernetzung wichtig: Man findet heraus, warum etwas so ist und kann daraus weitere Schlüsse für andere Dinge ziehen.

Es gab Zeiten, da konnte man ohne Scham behaupten, von Mathe und Naturwissenschaften keine Ahnung zu haben. Hat sich das geändert?

Kappenberg: Mich hat erschüttert, dass sogar der Bundespräsident bei einem Empfang öffentlich zugab, wenig Ahnung von Naturwissenschaften zu haben. Naturwissenschaften sind sehr wichtig, und wir müssen uns in diesem Bereich mehr anstrengen. Ich befürchte, der Trend an den Schulen kehrt sich gerade wieder zu Lasten der Naturwissenschaften um.

Was machen Sie ohne die Schule?

Kappenberg: Mit viel Glück kann ich noch nebenbei an der Schule weitermachen und mich um die technischen Geräte und die naturwissenschaftliche Sammlung kümmern. Außerdem habe ich ja noch meinen „Arbeitskreis Kappenberg“, in dem ich mit anderen Chemikern Geräte und Programme fürs Experimentieren entwickele und Weiterbildungen für Lehrer anbiete. Außerdem kann ich noch bis zu meinem 65. Lebensjahr Leiter des Regionalwettbewerbs „Jugend forscht“ bleiben. Dass ich diese Stelle erhielt, war übrigens kurios.

Warum?Kappenberg: Bevor es 1986 den Regionalwettbewerb in Münster gab, war ich schon mit meinen Schülern in Sachen „Schüler experimentieren“ unterwegs. Bei einem Wettbewerb bei Thyssen in Essen habe ich mit einem tropfenden Salzsäurekanister einen Teppich ruiniert. Für den Schaden von 60.000 Mark wollte keiner aufkommen; das gab mächtig Ärger. Daran erinnerte man sich auch, als man einen Leiter für den Wettbewerb in Münster suchte. Aber das tat der Begeisterung keinen Abbruch.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Kappenberg: Die pfiffig-frechen Schülerbemerkungen. Mir war es lieber, wenn Schüler frech sind und querdenken, als wenn sie lieb und artig alles nachbeten. Das selbstständige Denken und Arbeiten ist mir ganz wichtig. Das schönste Kompliment machten mir zwei ehemalige Schülerinnen: „Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man das Gelernte vergessen hat.“

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