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Fernsehen zwischen Qualität und Quote

Quotenjagd mit Qualität

Harald Suerland

Münster - War das Fernsehen früher besser? Als Rainer Holbe die Starparade moderierte und „Kuli“ seinem frühen „EWG“-Ruhm hinterherrannte? Als Max Greger, James Last und das Fernsehballett zu Dauergästen im Wohnzimmer gehörten, als Gerhard Löwenthal Kommunisten jagte und Klaus Bednarz Faschisten?

Der reflexartige Ausruf „Früher war es besser“ erklang prompt, als Marcel Reich-Ranicki vor knapp zwei Monaten seine Preis-Verweigerung effektvoll ins Fernsehmikrofon geknurrt hatte. Aber die Entscheidung, ob Hans Rosenthal lustiger war als Jörg Pilawa oder Frankenfeld freundlicher als Gottschalk, hängt doch stark vom persönlichen Geschmack ab. Man mag den grinsenden Stefan Raab hassen; aber man darf auch fragen, ob die Unterhaltung, die Heinz Schenk beim „Blauen Bock“ bot, geistvoller war.

Am subjektiven Eindruck vieler Zuschauer, dass das Programm früher besser war, trägt das Aufkommen des Privatfernsehens eine kuriose Mitschuld. Nicht, weil es so viel Schlechtes böte, sondern, weil es die Erwartungshaltung an eine große Auswahl förderte. Wer früher im Ersten eine Show und im Zweiten einen Krimi fand und beides nicht sehen wollte, ließ es einfach bleiben. Heute schaltet man vielfach ein, ohne sich überhaupt entschieden zu haben, denn bei so vielen Sendern muss ja zwangsläufig „mein Lieblingsprogramm“ dabei sein – wenn nicht, dann ist das Fernsehen schlecht.

Ein anderer Faktor für verändertes Fernsehverhalten ist die Fernbedienung. Der Zapper als Spontan-Entscheider hat sich vielfach davon verabschiedet, einer Sendung mit Geduld zu folgen: Wird seine Reizschwelle unterschritten, macht er sich auf die Suche nach Alternativen. Was verständlich ist, wenn er den Werbepausen zu entfliehen versucht. Auch hier hatte das Privatfernsehen einen wenig rühmlichen Einfluss, muss sich der Freund guter Fernsehproduktionen ans öffentlich-rechtliche Refugium unzerstückelter Sendungen halten: Sonst wird auch ein guter Privatfernseh-Seewolf zur Fisch-Frikadelle.

Mag sein, dass der Festplatten-Recorder und das Fernsehen per Internet ganz andere Seh-Gewohnheiten bewirken: Wer solche Möglichkeiten nutzt, um sich sein eigenes Programm zusammenzustellen, schaut vielleicht wieder bewusster zu als der Zapper. Und stellt fest, dass die Wahl zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern sowie Sparten- und Bezahlkanälen an Bedeutung verliert: Ich finde schon, was mich interessiert, und gucke es, wie und wann es mir passt. Ich wähle, wie in einer großen Buchhandlung, unter einem Wust von (oft entbehrlichen) Titeln meine persönlichen Favoriten aus.

Schlechtes Fernsehen gibt es zweifellos, heruntergekurbelte Serien, Krawallsendungen, Banal-Nachrichten über die Halbprominenz, marktschreierische Moderatoren, Show-Kitsch . . . Es gibt sie öffentlich-rechtlich und privat. Es gibt aber in der flimmernden Wundertüte auch, und das sollte diese Serie über „Fernsehen zwischen Qualität und Quote“ zeigen, originelles Fernsehen, seriöses, witziges, ernstes, kurzum: gutes Fernsehen – in Deutschland nach Aussage von Medienkennern mehr als anderswo.

Allerdings: So lange sich Deutschland ein gebührenfinanziertes Fernsehen leistet, also eine Institution, die fast selbstherrlich über ein festes Budget verfügt, so lange darf die Forderung nach besserer Qualität der öffentlich-rechtlichen Sender nicht verstummen. Sollen sie ruhig von den Privatsendern kopieren, was dort gut gemacht wird – nicht bloß das, was kurzfristig Quote bringt.

Denn Quote kann man sich auch mit Qualität erkämpfen. Es erfordert mitunter Geduld – aber dafür bekommen die Gebühren-Sender ja schließlich unser Geld. Damit ist unsere Serie beendet.

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