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Ratlos, mutlos, erfolglos - Schalke 04 in der Krise

Jürgen Beckgerd

Münster/Gelsenkirchen - Es gibt Schlimmeres als von den eigenen Fans ausgepfiffen zu werden. Richtig schlimm wird es, wenn die Anhängerschar gar nichts mehr sagt, sondern sich einfach umdreht und geht. Auf Schalke ist es wieder so weit: Nach dem Derby gegen Borussia Dortmund am Sonntagabend hatten viele der 60.069 Zuschauer frühzeitig die Nase voll.

Sie verließen das Stadion lange bevor Robert Lewandowski für die Dortmunder auf 3:0 (86.) erhöhte, und sie sahen auch den Anschlusstreffer von Klaas-Jan Huntelaar (89.) nicht mehr. Aber sie sahen eine Schalker Mannschaft, die weit, weit davon entfernt ist, auch nur annähernd an die Leistungen der Vorsaison anknüpfen zu können. Der Trainer ist ratlos, die Mannschaft teuer, aber mutlos, und das Publikum verständnislos. Da braut sich ein explosives Gemisch zusammen.

Felix Magath wirkt angeschlagen - nach außen wie nach innen. Der Coach hat, so scheint es, seine Linie ein wenig verloren. „Es ist deutlich geworden, dass zwei Mannschaften mit unterschiedlichem Saisonstart aufeinandergetroffen sind. Die Mannschaft mit den Erfolgen der letzten Zeit hat sehr sicher aufgespielt. Wir dagegen waren völlig verunsichert“, sagte der Coach im Anschluss an das Derby. „In dieser Phase“ falle es ihm „schwer zu beurteilen, warum die Mannschaft so verunsichert ist.“

So spricht niemand, der weiß, wo er den Hebel anzusetzen hat. Und intern heißt es bereits, Magath sei an seine Grenzen gestoßen, lasse sich auf keine Kompromisse ein und wirke beim Versuch, alles allein organisieren zu wollen, überfordert, gereizt, angefressen. Auch angezählt? Es fällt schwer, eine baldige Änderung der Situation zu erwarten. Mittwoch spielt Schalke in Freiburg, danach gegen Borussia Mönchengladbach.

Manuel Neuer suchte und fand am Sonntagabend seine Erklärung für die Demütigung in der mangelnden Einstellung seiner Vorderleute: „Das war kein richtiges Derby. Wir haben mutlos gespielt, haben uns keine Zweikämpfe erarbeitet und deshalb verdient verloren. Es kam mir vor, als ob es ein Freundschaftsspiel gewesen wäre.“

Bemerkenswert: Schalke hatte im vergangenen Jahr den BVB in dessen Jubiläumsjahr zwei Mal bezwungen. 2009/2010 bestach das Team auch durch den jugendlichen Elan u. a. Lukas Schmitz, Joel Matip, und Christoph Moritz.

Magath änderte jedoch seine Stoßrichtung und investierte in gestandene, und vor allem in viele Spieler: 13 Neue (plus der zuvor ausgeliehene Marvin Pourie) sollten schnell integriert, die aufstrebende, junge Garde der vergangenen Saison nicht verprellt und die ausgegebenen 37 Millionen Euro als sinnmachende Investition argumentativ „verkauft“ werden. Nichts von dem gelang.

Magaths Personalpolitik gleicht einem Pulverfass. In der Mannschaft fehlt eine Hierarchie, schlimmer: es mangelt an Hingabe. Wann, außer beim Derby, kann, ja muss Leidenschaft aufblühen?

Es scheint als müssten sich die Zuschauer noch länger auf Schmalkost einstellen. Fraglich ist, ob sie weiterhin ruhig bleiben.

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