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Lokales

Rede zur Deutschen Einheit: Tag der Freude – aber . . .

Martin Kalitschke

Münster. Dass die beiden deutschen Staaten irgendwann wieder zu einem Deutschland zusammenwachsen werden – „daran hatten nur noch wenige geglaubt“, räumt Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann am Donnerstagabend vor rund 200 Gästen im Rathausfestsaal ein. Umso mehr sei es wichtig, sich auch 18 Jahre nach der Wiedervereinigung an den 3. Oktober 1990 zu erinnern – „einen Tag der Freude“.

Von Freude wird bei der von Stadt, Agentur Deutsche Einheit und Verein der Freunde Mühlhausens organisierten Feier erst eineinhalb Stunden später wieder die Rede sein. In der Zeit dazwischen legt Festredner Markus Meckel, in der Wendezeit letzter DDR-Außenminister und heute Mitglied der SPD-Bundestagsfraktion, den Finger in die Wunden der Einheit.

Sicher, „es ist grandios, was wir geschafft haben“. Doch nach wie vor seien Transferleistungen aus dem Westen erforderlich, um die Wirtschaft im Osten aufrecht zu erhalten. „Weder ökonomisch noch mental und gesellschaftlich ist die Einheit vollendet“, stellt Meckel klar. Für die Zukunft sieht er noch reihenweise „große Herausforderungen“: hohe Arbeitslosenzahlen im Osten, immer mehr Geringverdiener, langsameres Wachstum als im Westen. Besonders „besorgnis erregend“: die demografische Entwicklung. So ist in Meckels Wahlkreis die Bevölkerungszahl seit 1990 um 15 Prozent zurückgegangen, ein Ende dieser Entwicklung sei nicht absehbar. „Ich sehe die Gefahr, dass sich bestehende Strukturschwächen weiter verfestigen – und ich sehe derzeit keine Strategien, dem zu begegnen.“

Auch mentale Defizite macht Meckel aus. Viele Ostdeutsche fühlten sich heute als Menschen zweiter Klasse – dabei seien sie es gewesen, die die Einheit erst möglich machten. „Wir haben nicht die Freiheit durch die Einheit erlangt, nein, die Einheit wurde erst möglich, weil wir die Freiheit erkämpft haben.“ Wobei die Ostdeutschen die Einheit aktiv mitgestaltet hätten: Vehement weist Meckel die Einschätzung zurück, die DDR sei der Bundesrepublik einfach beigetreten. „Wir sind aufrechten Ganges in die Einheit gegangen.“

Die kritische Bestandsaufnahme endet versöhnlich. „Ich weiß, dass man auch eine andere Sicht der Dinge haben kann. Gerade deshalb ist es so wichtig, sich gegenseitig die Geschichte der Einheit zu erzählen und zuzuhören“ – eine Geschichte, die trotz allem „eine Zeit des Glücks für unser Volk gewesen ist“.

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