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Rentenversicherung: „Es kann schwierig werden“

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Münster - Ein Berufsleben lang hat er sich mit der Rente befasst. Jetzt steht für Wilfried Gleitze, Erster Direktor der Deutschen Rentenversicherung Westfalen, selbst die Zeit des Ruhestands bevor. Ende des Monats geht die Hauptverantwortung für die über 3000 Mitarbeiter starke Behörde, die sich unter anderem um 9,7 Millionen Beitrags- und Versicherungskonten kümmert, an den Nachfolger Thomas Keck über. Gleitze gehörte - wenn man die Jahre bei der LVA Westfalen mitrechnet - 22 Jahre zur Geschäftsführung der Rentenversicherung in Westfalen. Unser Redaktionsmitglied Wolfgang Kleideiter sprach mit dem bundesweit gefragten Rentenexperten über Altersvorsorge und die Stabilität des Systems.

Herr Gleitze, haben Sie ausreichend Altersvorsorge betrieben?

Gleitze: Wir sind hier in der Spitze per Gesetz Beamte. Ich werde meine gesetzlich garantierte Pension bekommen, die gewissermaßen auch einen Teil betrieblicher Altersvorsorge enthält.

Was hätten Sie getan, wenn Sie nicht den Beamtenstatus hätten?

Gleitze: Ich hätte mich auf die drei Säulen aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Alterssicherung gestützt. Dies muss man heute auch tun. Wobei es sich für meine Generation noch so darstellt, dass die gesetzliche Rente nach 40 und mehr Berufsjahren annähernd den Lebensstandard sichert.

Nehmen wir an, Sie wären heute ein junger Mann. Welche guten Ratschläge würden Sie sich wünschen?

Gleitze: Ein junger Mensch muss heute deutlich früher an seine Altersvorsorge denken. Ganz wesentlich für die Absicherung ist dabei eine möglichst dauerhafte Beschäftigung. Sie bildet das Rückgrat des Systems. Wenn ich nur 20 Jahre arbeite, kann ich nicht erwarten, dass ich eine Vollrente erhalte. Man muss sich also anstrengen, einen möglichst hohen gesetzlichen Rentenanteil zu bekommen. Wobei man wissen muss, dass im Sinne der Generationengerechtigkeit der Rentenanspruch nicht bei 70 Prozent des Netto-Einkommens liegt, sondern häufig darunter. Diese Lücke sollte man ausgleichen. Mein Rat: Fangt ganz früh an. Man kann sich schon beim ersten Arbeitsverhältnis prima bei uns beraten lassen - zum Beispiel auch über die Riester-Rente oder den Wert betrieblicher Lösungen.

Also früh den Kontakt zur Deutschen Rentenversicherung knüpfen?

Gleitze: Unbedingt. Wir gehen verstärkt auf junge Menschen zu. Im Gegensatz zu anderen haben wir in den letzten Jahren unseren Dienstleistungsbereich bewusst verstärkt.

Im Jahr 2050 werden vier von zehn Deutschen Rente beziehen. Sind wir darauf vorbereitet?

Gleitze: Die Bevölkerung muss ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass jemand, wenn er ein Viertel beziehungsweise ein Drittel seines Lebens im Ruhestand verbringt, auch ein Viertel oder Drittel seines Einkommens aufwenden muss, um diesen Zeitraum abzudecken _ in welchem Mischungsverhältnis von gesetzlicher, privater oder betrieblicher Rentenversicherung auch immer. Wenn das der Fall ist, sehe ich die demografische Entwicklung nicht so ängstlich. Denn das System Rentenversicherung haben wir durch die Nachhaltigkeitsfaktoren demografiefest gemacht. Das Problem liegt eher darin, dass wir diesen Weg in der aktuellen politischen Situation nicht immer einhalten.

Gibt es aktuelle Fälle?

Gleitze: Im letzten Jahr wurde diskutiert, ob wir bei den Rentnern eventuell zu tief eingeschnitten haben. Unsystematisch haben wir darauf hin die Rentner etwas besser gestellt. Auch beim Thema Rentengarantie versucht man das, was Generationen als gerecht empfinden könnten, wieder etwas fein zu steuern. Wir müssen da sehr aufpassen. Ich kann auch nicht sagen, wo die Bevölkerung aktuell die Belastungsgrenze sieht.

War die Einführung der Riester-Rente der richtige Weg, um Beitragsstabilität zu gewährleisten?

Gleitze: Wir waren zunächst skeptisch, haben uns aber heute mit der Riester-Rente abgefunden. Nur: Wenn heute 70 Prozent riestern, riestern 30 Prozent nicht. Da kann für einen Teil der Bevölkerung das Wort Altersarmut tatsächlich wieder auftauchen.

Reformen fußen oft auf ausbalancierten Kompromissen. Ärgert es Sie, wenn die Politik in der Rentenfrage nachträglich Dinge noch einmal verändern will?

Gleitze: Beim Thema Rentengarantie haben wir sehr verhalten reagiert. Ich hatte den Wahlkampf 1976 vor Augen, als man das ganze Jahr über das Rentenloch diskutierte. Arbeitsminister Scholz wollte nach meiner Ansicht diesmal nur Ruhe in die Diskussion bringen, doch der gelungene Schachzug wurde als Wahlkampfmanöver kritisiert. Offenbar brauchen andere Zeiten auch andere Antworten.

Gesetzliche Rente - krisenfest, zukunftssicher, demografiefest. Würden Sie das unterschreiben?

Gleitze: Zukunftssicher und demografiefest: Ja. Krisenfest nur bedingt. Zwar schlägt bei uns eine negative Arbeitsmarktentwicklung wegen der Ausgleichszahlungen der Bundesagentur für Arbeit noch nicht durch. Wir werden uns aber im nächsten Jahr darauf einstellen müssen, dass es schwierig werden kann. Insofern ist es gut, dass die Rentenversicherung ihre Rücklage von 15 Milliarden Euro mit kräftiger Hilfe der Regierung verteidigen konnte.

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