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Darm

Rettung für Noahs Nabel

Annegret Schwegmann

Frauke Steinigeweg ist eine praktisch veranlagte Frau, eine, die positives Denken nicht als Worthülse, sondern konkrete Lebenshilfe empfindet. Ihr Verhältnis zu Hausarbeiten ist das der meisten Menschen – sie sind unvermeidbar, aber eher lästig. In den vergangenen Wochen jedoch haben sie ihr so geholfen, wie es sonst nur gute Gespräche können.

Seit die 27-Jährige vor einigen Monaten erfahren hat, dass ihr drittes Kind mit einem aus der Bauchdecke ausgetretenen Darm zu Welt kommt, seitdem ihr Sohn Noah am 1. Januar zur Welt kam und in den Unikliniken versorgt wird, „stelle ich das Haus immer wieder auf den Kopf“. Akribisches Kochen, Waschen, Bügeln hilft zumindest bis in den Abend hinein – dann bleibt immer noch genug Zeit zum Nachdenken und Grübeln. Mehr als genug.

Dabei weiß die junge Frau aus Bramsche, dass sie und ihr Sohn Noah bis jetzt jede Menge Glück haben und dass ihnen ein Verfahren zugutekommt, dass die Unikliniken Münster seit drei Jahren mit bemerkenswertem Erfolg anwenden. Wenn es in diesen ersten Wochen und Monaten zu keinen größeren Komplikationen kommt, „kann das Kind ohne Einschränkungen ein normales Leben führen“, sagt Dr. Kerstin Lohse.

Ich konnte ihn noch nicht in den Arm nehmen. Das tat weh. - Frauke Steinigeweg

Die Zahl der Kinder, die mit Gastoschisis, einem Defekt der Bauchdecke also, zur Welt kommen, wächst. „Und niemand weiß bis heute, warum das so ist“, erklärt die Leitende Ärztin der Klinik für Kinderchirurgie an den Unikliniken Münster. Sie verspricht sich erste verlässliche Antworten von einer konsequenten Datensammlung und -auswertung. Die ist dringend erforderlich.

Der zumeist in der 20. bis 24. Schwangerschaftswoche per Ultraschall bemerkte Defekt ist nicht neu. Im besten Fall gelingt es, den unkomplizierten und sich seinen richtigen Platz wieder suchenden Darm nach der Geburt durch die Bauchwand wieder an seinen Platz zu schieben. Ungünstiger ist der andere Fall: Die Bauchhöhle hat sich – da ihr der Darm fehlte – nur langsam entwickelt. Zudem kann es zu Durchblutungsstörungen der Leber und Nieren kommen.

Bis vor einigen Jahren war dieses Verfahren üblich: Kinderchirurgen setzten eine Kunststoffhaut über den Bauch, über den die Haut größtenteils wuchs. Nach einigen Jahren versuchten sie in einem weiteren Eingriff, den Nabel nachzubilden.

Das neue Verfahren hat das alte längst abgelöst. Seitdem Mediziner in den USA einen Kunststoffbeutel mit einem auf der Haut ohne Druckstellen anliegenden Kunststoffring entwickelt haben, rutscht der Darm in sieben bis acht Tagen in den Körper. Die Zahl der Operationen verringert sich um ein Vielfaches, der Bauchnabel bleibt erhalten. „Man mag das für einen kosmetischen Erfolg halten. Doch das ist er nicht. Er ist weit mehr“, meint Dr. Lohse. Der Nabel ist für ein Kind ein zentrales Gut. Der Nabel der Welt – viel größer und umfassender können Gleichnisse nicht sein.

Bei Noah ist bislang alles gut gegangen. Doch die Zeit des Wartens nagt an der Familie Steinigeweg. Die vierjährigen Zwillinge lenken die Eltern ab. In deren Kindergarten hat Frauke Steinigeweg zudem von Frauen gehört, deren Kinder Ähnliches erlebt haben. Drei von 10 000 Neugeborenen kommen mit Gastroschisis zur Welt. Nicht viele, doch genug, um endlich Näheres über die Ursachen wissen zu wollen.

Frauke Steinigeweg hat den Umgang mit dem Warten gelernt. Nachdem ihr Frauenarzt die alarmierende Wölbung am Bauch entdeckte und sie zu Fachärzten in Osnabrück schickte und die sie wiederum an die erfahrenen Kinderchirurgen nach Münster überwiesen, musste sie auf die Ergebnisse von Fruchtwasseruntersuchungen, Gen- und Chromosomentests warten. Noah konnte sie in den ersten Wochen nach seiner Geburt nur streicheln.

Jeden zweiten Tag fuhr sie von Bramsche nach Münster, um bei ihrem Kind zu sein. „Ich konnte ihn noch nicht in den Arm nehmen. Das tat weh“, sagt sie. Der Gedanke, dass ihrem Sohn durch das neue Verfahren viele Operationen erspart bleiben, tröstet sie jedoch.

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