1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Revolution mit 70 000 Kerzen: Montagsdemos in Leipzig

  6. >

1989

Revolution mit 70 000 Kerzen: Montagsdemos in Leipzig

Münster/Leipzig - Es ist der Montag, an dem 70 000 Menschen mit Kerzen in den Händen eine Diktatur aus den Angeln heben - ohne Gewalt. Die Montagsdemo am 9. Oktober 1989 in Leipzig löst die friedliche Revolution in der DDR aus...

wn

Münster/Leipzig - Es ist der Montag, an dem 70.000 Menschen mit Kerzen in den Händen eine Diktatur aus den Angeln heben - ohne Gewalt. Die Montagsdemo am 9. Oktober 1989 in Leipzig löst die friedliche Revolution in der DDR aus. „Wenn man eine Kerze trägt, braucht man beide Hände. Man muss das Licht behüten, vor dem Auslöschen schützen“, erinnert sich später der evangelische Pfarrer Christian Führer. „Da kann man nicht gleichzeitig noch einen Knüppel oder einen Stein in der Hand halten.“

In Führers Nikolaikirche in Leipzig hat der friedliche Aufstand Anfang der 1980er Jahre mit einem unscheinbaren Schild angefangen: „Nikolaikirche - offen für alle“. In DDR-Zeiten war es eine Revolution. Führer öffnete seine Kirche für alle, die am „real existierenden Sozialismus“ verzweifeln - Christen, Regimekritiker, Ausreisewillige. Die Kirche wird zum Rückzugsraum im totalitären Staat.

Montag für Montag versammeln sich Menschen zum Friedensgebet. Es wird gebetet und geredet. Offen, als gäbe es die Stasi nicht, deren Spitzel auch in der Nikolaikirche die Ohren offen halten. „Ich habe es immer auch positiv gesehen, dass die zahlreichen Stasileute Montag für Montag die Seeligpreisungen der Bergpredigt hörten“, schreibt der Pfarrer später. „Wo sollten sie diese sonst hören können?“

Je mehr die Nikolaikirche zum Kristallisationspunkt des Protestes wird, umso mehr macht der Staat Druck. Die Polizei versucht seit Mai 1989 die Zufahrtswege abzuriegeln. Montag für Montag werden Menschen verhaftet. Trotzdem kommen immer mehr. Im Herbst 1989 gehen die Betenden nicht mehr nach Hause; sie gehen auf die Straße. Zur ersten Montagsdemo am 25. September kommen 6000 Menschen. Am 7. Oktober 1989, beim 40-jährigen Bestehen der DDR, eskaliert die Situation. Zehn Stunden lang prügelt die Polizei auf Demonstranten ein.

In der Leipziger Volkszeitung erscheint ein Aufruf, die „konterrevolutionären Aktionen“ endgültig zu beenden. Nötigenfalls „mit der Waffe in der Hand!“ Entsprechend gespannt ist die Situation am Montag, 9. Oktober. Die Angst geht um vor der chinesischen Lösung: Wochen zuvor haben die chinesischen Genossen auf dem Platz des Himmlischen Friedens Panzer gegen die Demonstranten eingesetzt.

Die SED agiert verdeckt: Sie schickt ihre Genossen in die Kirche; für die Friedensbeter soll wenig Platz bleiben. Führer schildert in seinen Erinnerungen "Und wir sind dabei gewesen" seine Reaktion auf den Andrang der SED-Genossen: Der Verweis auf das „Offen-für-alle“-Schild an der Tür. „In dem Sinne: Herzlich willkommen.“ Das Friedensgebet verläuft ruhig. Zum Schluss wird ein Aufruf verlesen, in dem sich Gewandhauskapellmeister Kurt Masur und drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung für freie Meinungsäußerung einsetzen und für Gewaltlosigkeit. Dann öffnen sich die Türen: „Den Anblick werde ich nie vergessen“, so Führer. Draußen stehen Zehntausende mit Kerzen.

Langsam ziehen 70 000 um die Innenstadt. „Und das Wunder geschah. Der Geist Jesu der Gewaltlosigkeit erfasste die Massen“, formuliert es der Theologe. Die Menschen verwickeln die Volkspolizisten in Gespräche. Alles bleibt friedlich. Doch die DDR ist am Abend nicht mehr dieselbe... Einen Monat später fällt die Mauer. SED-Zentralkomitee-Mitglied Horst Sindermann soll später gesagt haben: „Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“

Startseite
ANZEIGE