1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Richter maßregelt: „Sie sind nicht die Polizei!“

  6. >

IVZ-Lokalfenster - Tecklenburger Land

Richter maßregelt: „Sie sind nicht die Polizei!“

wn

Hörstel. Aus Täter wurde Opfer, aus Opfer Täter in einer Gerichtsverhandlung am Amtsgericht Rheine gestern unter Vorsitz von Richter Peter Büssemaker.

Einem 33-jährigen Angestellten aus Hörstel legte die Staatsanwaltschaft zunächst zur Last, sich am 30. September 2007 grob verkehrswidrig auf einer Fahrt von Ibbenbüren nach Hörstel in Höhe Gravenhorst verhalten zu haben. Dabei soll er einen anderen Verkehrsteilnehmer abgedrängt und zur Vollbremsung gezwungen haben. Per Gerichtsbeschluss vom 13. Dezember 2007 wurde ihm der Führerschein entzogen.

Der Angeklagte, der sichtlich unter Anspannung stand, schilderte, dass er sich keiner Schuld bewusst sei. Er habe im Rückspiegel auf der Kanalbrücke hinter dem Kloster Gravenhorst gesehen, wie ein A 2 mehrere Fahrzeuge überholt habe.

Als die Geschwindigkeitsbegrenzung vor der Kanalbrücke aufgehoben wurde, habe er Gas gegeben. Im selben Augenblick habe der A 2 wohl angesetzt, ihn zu überholen. Er habe überrascht nach links geschaut, sei dabei „ein wenig über die Mittellinie nach links gefahren, aber sofort wieder rechts eingeschert.“

Vor der nächsten Verkehrsinsel sei er von einem A 6, der zuvor ein paar Wagen vor ihm gewesen sei, angehalten und beschimpft worden, so der Angeklagte. Kurz darauf sei die A2-Fahrerin, offensichtlich die Freundin des A6-Fahrers, der ihn gestoppt hatte, dazu gekommen und habe ihn als „Spinner“ bezeichnet. Er sei auf dem Heimweg von einem Fußballspiel gewesen, so der Hörsteler. Ein Betreuer habe bei ihm im Wagen gesessen, der könne das bestätigen. Punkte in Flensburg habe er bisher nicht.

Vollkommen anders beschrieb jedoch der A6-Fahrer die Situation. Im Rückspiegel habe er gesehen, wie der Angeklagte plötzlich nach links ausgeschert sei und den A2 seiner Freundin bedrängt habe „wie im Film bei einem Autorennen“. So etwas „Krasses“ habe er im Leben noch nicht gesehen. Deswegen habe er sich unten an der Insel mit seinem Wagen quer gestellt, um den Fahrer aufzuhalten. „Das ist Nötigung,“ führte ihm Richter Büssemaker sofort vor Augen und verdeutlichte ihm, dass sein Verhalten nicht nur absolut verkehrswidrig, sondern auch gesetzlich verboten sei. „Sie sind nicht die Polizei,“ maßregelte er ihn streng.

Hinzu kam, dass Richter Büssemaker die Strecke bestens kennt und für Überholmanöver als vollkommen ungeeignet hält. Gegen den Zeugen soll nun strafrechtlich ermittelt werden.

Die A2-Fahrerin, die den Angeklagten zwei Stunden nach dem Eklat angezeigt hatte, räumte ein, vielleicht selbst „etwas gewagt“ überholt zu haben, aber die Reaktion des Angeklagten sei absolut unangemessen gewesen. „Wenn ich keine Vollbremsung gemacht hätte, säße ich heute nicht hier,“ verdeutlichte sie die Gefährlichkeit der Situation.

Den Richter beeindruckte sie damit nicht. Er konterte: „Ums Verrecken möchte ich mit Ihnen nicht autofahren.“

Der Beifahrer des Angeklagten bestätigte dessen Version. Da die Belastungszeugen widersprüchliche Angaben bezüglich der Örtlichkeiten machten und der Richter das Verhalten der Anzeigenerstatterin als gefährlicher ansah als das des Angeklagten, kam es zu einem Freispruch mit Entschädigungskosten wegen des Führerscheinentzugs.

Fassungslos verließen die Belastungszeugen den Gerichtssaal.

Startseite