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Riesenschnecken als Haustiere

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Von Katrin Schmidt

Marbeck. Es ist nicht so, dass Lina keine Auswahl gehabt hätte: Es leben zig Tiere auf dem Hof ihrer Eltern. Zwei hüfthohe ungarische Vorstehhunde, Schafe, Katzen, Ziegen, Pferde... Nein, da musste es schon etwas Exotischeres sein, was die Töchter von Bernhard und Gabriele Wessing sich als Haustier halten. Romy hat sich für Bartagamen entschieden. „Das sind Dinosaurier in der heutigen Zeit“, sagt die Sechsjährige über das Reptil.

Auf das, was die neunjährige Lina sich ins Terrarium gesetzt hat, wäre wohl niemand so schnell gekommen: Mehr als Handteller große Schneckenhäuser plus weich-schleimige Körper bewegen sich langsam auf die Salatblätter in der Mitte des Glaskastens zu. „Das sind Achatschnecken, Achatina fulica. Aber die werden nicht so groß wie die Achatina achatina. Die kann bis zu 27 Zentimeter lang werden. Das ist die größte Schnecke der Welt“, sprudelt es aus Lina heraus. Insgesamt 15 Schnecken leben in ihrem Terrarium, unter den großen Achatschnecken auch Weinberg- und die murmelgroßen Benderschnecken aus dem heimischen Garten.

Die Riesen kommen nicht von hier, sondern aus Afrika. Es müssen besondere Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden, denn: „Die Schnecken können leicht zur Plage werden. Die Achatina fulica legt bis zu 500 Eier. Deshalb ist ihre Einfuhr auch in Amerika und Österreich verboten“, rattert Lina aus dem Stegreif runter.

Das hat die Viertklässlerin auch schon vor ihren Mitschülern in der Engelradingschule vorgetragen. Danach habe die halbe Klasse auch solche Schnecken haben wollen, lacht Lina und fügt ernst hinzu, dass das aber dann doch keiner gedurft habe. So bleibt sie auf weiter Flur mit ihrem Hobby allein, tauscht sich nur im Schnecken-Forum im Internet mit anderen aus. „In Frankreich sind die Eier eine Delikatesse“, Lina tritt an das mit feinem, dunklen Rindenmulch gefüllte Terrarium, blickt stolz-grinsend auf ein Büschel Gras neben etwas Moos. Sie hebt es hoch und legt eine Brutstätte offen: Halb so groß wie eine Perle sind die weißen Schneckeneier. Aus den 300 Stück des ersten Geleges ist aber nur eine Schnecke geschlüpft: „Ron.“ Viele von den Eiern wandern schon im Vorhinein, in einem Beutel verpackt, für drei Tage in die Tiefkühltruhe der Familie: „Man kann die nicht einfach in die Biotonne werfen“, sagt Mutter Gabriele Wessing. Dann könnten die Schnecken schlüpften und in freier Wildbahn zu besagter Plage werden.

„Die Eier kommen hier aus dem Luftloch“, zeigt Lina anhand ihrer Lieblingsschnecke Sam. (Auf die ungläubige Frage, ob sie die Schnecken wirklich unterscheiden könne, antwortet sie leicht verständnislos: „Natürlich! Die haben doch alle einen unterschiedlichen Charakter!“)

Das Fingerkuppen große Luftloch an der Seite der Schnecke öffnet sich längst nicht so schnell und regelmäßig, wie Menschen atmen. „Ich kontrolliere das Loch immer, ob Sam bald Eier legt.“ Das wird er gerade nicht tun - oder sie. „Schnecken sind Zwitter. Jede Schnecke kann männlich oder weiblich sein“, erklärt Lina. Damit es Schneckennachwuchs gibt, müssen mindestens zwei Schnecken zusammen im Terrarium sein, die sich untereinander verständigen, wer das Bienchen und wer das Blümchen ist.

Angefangen hat die Schneckenliebe bei der Neunjährigen im Garten ihrer Eltern. „Wir haben Schneckenrennen veranstaltet“, lacht Lina, die die Tiere immer schon „einfach faszinierend“ fand.

Nachdem sie vor zwei Jahren die Vox-Sendung „Wildes Wohnzimmer“ im Fernsehen gesehen hatte, war es um sie geschehen, und sie hat sich ihre ersten Achatschnecken gekauft. „Acht Euro pro Stück haben die gekostet.“ Und die laufenden Kosten sind auch nicht zu unterschätzen - zumindest bei dem, was eine Neunjährige so in der Tasche hat. „Zusammen mit den vielen Babys fressen die 17 Tiere im Terrarium etwa zwei Salatköpfe pro Woche und ein bisschen Kalkbrei. Aber sie mögen auch Gemüse, Obst, aber keine Zitrusfrüchte und keine Erdbeeren.“

Bei guter Pflege könnten die Tiere rund zehn Jahre alt werden. „Sam ist jetzt zwei Jahre alt und 13,3 Zentimeter lang.“ Seine zwei oberen Fühler mit den winzigen Augen am Ende reckt er in die Höhe, als wolle er neugierig den Besuch beäugen.

Nicht nur das Taschengeld investiert Lina in das Schneckenfutter, sie muss auch das Terrarium weitestgehend alleine säubern. „Hach, sind sie nicht schön“, sagt Lina verzückt und hebt Fred und George aus dem Terrarium. Die beiden sind Albinoschnecken, haben einen weißen Körper. Auch die Schnecken scheinen sich wohl zu fühlen. „Sonst würden sie keine Eier legen!“

Täglich füttert Lina sie nicht nur, sondern muss Tiere wie Terrarium mit Wasser besprenkeln, damit die Luftfeuchtigkeit stimmt. Ansonsten sind Schnecken völlig anspruchs-, geräusch- und geruchlos. Das perfekte Haustier also.

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