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Klassiker auf Rädern

Rollender Traum mit 95 PS

Oliver Hengst

Greven - Der Wagen: Baujahr 1971. Der Fahrer: Baujahr 1978. Der Altersunterschied konnte nicht verhindern, dass sie zueinander fanden. Im Gegenteil: Alte Autos - die faszinierten Ulrich Kuhlmann schon immer. Oft sah der Verkaufsleiter rollende Vertreter vergangener Jahrzehnte auf den Hof seines Arbeitgebers - das Autohaus Determann an der Saerbecker Straße - fahren. Und im vergangenen Jahr hat es ihm einer ganz besonders angetan: ein so genannter Strich-Achter. Der heißt so, weil die Baureihe in den Papieren diese Bezeichnung trug, an den Fahrzeugen selbst sucht man nach dem Strich und nach der Acht vergeblich.

Den 200er hat Kuhlmann komplett überholen, neu lackieren und den Innenraum aufbereiten lassen. „Diese Autos wurden lange vergessen. Deshalb sind sie heute knapp.“ Vor allem, wenn sie in einem solch guten Pflegezustand sind. „Wer sich einen solchen Wagen zulegt, wird kein Geld verlieren“, ist sich der Auto-Experte sicher.

Doch natürlich ist der blaue Premium-Schlitten für ihn weit mehr als eine lukrative Geldanlage. Eine Menge Herzblut ist selbstredend auch mit dabei, räumt er ein. „Man muss schon verrückt sein. Ein Spleen gehört dazu“, gibt Kuhlmann zu. Und hin und wieder müsse man auch mal skeptische Fragen beantworten. Etwa: Warum er schon wieder so viel Zeit (und Geld) in sein Hobby investiere.

„Es ist ein schönes Hobby. Mit Gleichgesinnten eine Ausfahrt zu unternehmen ist einfach toll“, sagt Kuhlmann und öffnet die Fahrertür. Die Einladung nimmt der Redakteur gern an und nimmt Platz hinter dem weißen Bakelit-Lenkrad. In den gemütlichen Fahrersitz sinkt man ein wie in eine Sänfte. Der Wagen verströmt den Duft automobiler Antike. „Rosshaar“, sagt Kuhlmann knapp und deutet auf den Bodenbelag des Benz´. Das Autoradio - Marke Blaupunkt - ist original. Wie der Rest. Auch die Bordmappe von einst ist so gut erhalten, als wäre sie erst gestern ins Handschuhfach gelegt worden. „Die wichtigsten Pflegemittel für ihren Mercedes Benz“, liest Kuhlmann schmunzelnd vor und zieht dann ein Serviceheft aus der Tasche, das für die „Bundesrepublik Deutschland und Berlin-West“ galt. Geschichte auf Rädern.

Geschichte, die ihren Preis hat. Über Geld jedoch redet Kuhlmann nicht gern. Nur soviel: „Für Gutes kriegt man gutes Geld. Für Nichts gibt es eben nichts.“ Knappe 14 000 Mark musste man Anfang der 70er Jahre für den Neuwagen hinblättern. Heute reicht das Preisniveau des Oldtimers an das eines fabrikneuen Kleinwagens heran.

Dreieckige Ausstellfenster (so genannte Käseecken), eine Servolenkung als Extra: Was aus heutiger Sicht karg wirkt, verhalf dem Wagen vor knapp 40 Jahren zum Oberklasse-Status. Dass der Erstbesitzer - und auch seine Nachfolger - mit 95 PS auskommen müssen, ist kein Mangel. „Das reicht eigentlich ganz gut. So ein Auto wiegt ja nicht viel.“ Auf bis zu 160 Sachen bringt es das Gefährt. „Die fährt man aber nicht“, sagt Kuhlmann. Dafür sei er viel zu schade, der gut erhaltene Strich-Achter. Auch für den Alltagsverkehr taugt er wenig. „Stop and Go - das muss so ein Auto nicht haben.“ Hin und wieder fährt der heutige Besitzer mit dem 200er zu Oldtimer-Treffen wie den Münster Classics oder zu Wings and Wheels am FMO - oder er dreht abends mal eine gepflegte Runde, wenn ihm der Sinn danach steht.

„An dieses Auto können sich noch viele erinnern“, weiß Kuhlmann aus Gesprächen mit Zeitgenossen, die ihn auf sein inzwischen seltenes Exemplar ansprechen. „Der war schon damals etwas besonderes.“ Auf sein Exemplar ist er besonders stolz, „denn das ist die erste Serie. Die ist schöner und hat viel mehr Chrom“.

Der Nachfolger sei unter anderem an den geriffelten Heckleuchten erkennbar. „Zu modern“ findet Kuhlmann die. Dann doch lieber Baujahr ´71.

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