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Rücksicht, nur kein Mitleid

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Für Marvins Augen sind die Zahlen auf dem Mathezettel viel zu klein – trotz seiner dicken Brille. Er kann nicht so gut sehen wie andere Kinder in seiner Klasse. „Was klein geschrieben ist, kann ich überhaupt nicht lesen“, erzählt der Zehnjährige. Marvin ist sehbehindert. Ein großes Problem ist das aber nicht. Marvins Lehrer kopieren Aufgaben für ihn extra groß. Für sie ist so ein bisschen Rücksicht nichts Besonderes. An ihrer Schule in Hamburg haben viele Kinder eine Behinderung. Sie gehen gemeinsam mit nicht-behinderten Kindern in eine Klasse.

Die Schule ist dafür extra eingerichtet. Es gibt zum Beispiel einen Fahrstuhl – so kommen auch Kinder in Rollstühlen überall hin. Das ist an vielen Schulen in Deutschland nicht so. Viele Kinder mit Behinderungen gehen deshalb in getrennte Schulen. „So etwas könnte ich mir nicht vorstellen“, sagt Marvin. Er ist zwar froh, dass er nicht der Einzige in der Klasse ist, der „es an den Augen hat“. Aber er möchte von seinen nicht-behinderten Freunden nicht getrennt sein.

Genauso geht es der zwölfjährigen Wiebke. Sie hatte als Baby einen Schlaganfall. Das ist bei Kindern sehr selten. Dabei kommt plötzlich nicht mehr genug Blut in einen Teil des Gehirns – und der stirbt teilweise ab. Seither kann Wiebke ihre linke Hand nicht mehr gut bewegen. Zur Schule sagt sie: „Dass wir so gemischt sind, ist ja das Gute. Dadurch lernen viele Kinder, besser mit behinderten Kindern umzugehen.“

Das ist übrigens nicht schwierig, finden Wiebke und Marvin. Mitleid ist jedenfalls unnötig. „Es ist ja nichts Schlimmes, behindert zu sein“, meint Marvin. „Ich kann alles machen, wozu ich Lust habe.“ Wiebke ist eine sehr gute Reiterin und kann ohne große Hilfe allein ein Pferd aufzäumen. Sie hat gelernt, mit ihrer Behinderung umzugehen – auch für den Fall, dass sie mal geärgert wird. „Dann sag ich: Du weiß ja gar nicht, was mir passiert ist und geh weg.“

Sie und Marvin möchten nichts an sich ändern. „Meine Oma fragt manchmal: Wenn ein Zauberer dir Wünsche erfüllen könnte, was wäre das?“, erzählt Wiebke. „Sie denkt vielleicht, ich hätte gern eine neue Hand. Aber das ist nicht so.“ Wiebkes größter Wunsch ist etwas anderes: ein eigenes Pferd.(dpa)

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