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Schlager und Pop „jazzifiziert“

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Gronau - Die 13 Musiker machen schon ordentlich Dampf. Kapellmeister Friedemann Matzeit dirigiert das Orchester. Dann stürmt Gitte Haen­ning die Bühne: blonde Wuschelmähne, ein kurzes weißes, weit ausgestelltes Kleid, unter dem die schwarzen Strapse hervorblitzen, Highheels mit Bleistiftabsätzen. Die Sängerin ist 64 Jahre alt, doch in diesem Moment sprüht sie vor jugendlicher Energie, keine Frage. Fragen ergeben sich erst später.

Mit ihrer markant voluminösen Stimme singt Gitte vom Lampenfieber und ihrem flimmernden Herz. Das erste Stück geht nahtlos in einen dänischen Folk mit Tin Whistle und Fidel über. So wie die Musik sich nach oben schraubt, dreht Gitte ihre Pirouetten.

Mit ihrem Programm „Ich will alles“ präsentierte Gitte Haenning am Samstagabend in der Bürgerhalle eine Zeitreise durch ihre lange Karriere. Die begann für die Dänin als Kinderstar, bei ihren ersten Auftritten stand sie mit ihrem Vater im Rampenlicht.

Aber, mag sich manch eingefleischter Jazzfan fragen, was macht eine Schlagersängerin beim Jazzfest? Die Antwort gibt Gitte Haenning selbst: „Alles, was wir machen, ist jazzifiziert. Ich habe hier oben wunderbare Jazzmusiker, die es lustig finden, dass wir Pop als Jazz spielen.“ Sprichts und rockt den Klassiker „I live the life I love“. Tatsächlich sprüht das Orchester, in dem so mancher Multiinstrumentalist sitzt, vor Spielfreude. Und ja, das ist Jazz, Swing, Blues und Pop auf hohem Niveau. Neben eigenen Hits hat Gitte sich für ihr Programm musikalische Rosinen von Kollegen herausgepickt, darunter „50 ways to leave your lover“ (Paul Simon), „Alles Lüge“ (Rio Reiser) und „Nutbush City Limits“ (Tina Turner).

Im zweiten Teil der Show schlägt allerdings der Schlager stärker durch: In einem Medley schmettert Gitte „Ich bin kein Kind von Traurigkeit“, „So schön kann doch kein Mann sein“, „Wenn Du musikalisch bist“ und, und, und. „Ich will nen Cowboy als Mann“ legt sie gegen Ende der Show noch oben drauf. Für Jazzer wäre hier weniger mehr gewesen, doch die Gitte-Fans in der Bürgerhalle sind begeistert und danken ihrem Star mit Standing Ovations. Sie sehen auch darüber hinweg, das die 64-Jährige einen Großteil der Texte - auch ihrer eigenen - vom Blatt ablesen muss. Das bremst die Dynamik der Show stellenweise aus.

Für Kontrast hatten die Jazzfest-Veranstalter bei der Kombination des Programms gesorgt: Zu Beginn des Abends standen „The Young Sinatras“ auf der Bühne. Die Niederländer orientieren sich akustisch und optisch - schicke Anzüge, schmale Krawatten - an der Swing-Legende, die sie im Namen führen. Sinatra-Songs wie „Ive got you under my skin“ oder „Thats life“ sind obligatorisch. Sänger Paul van Kessel und die neun Musiker setzen aber auch andere Akzente: Michael Jacksons „Billie Jean“ swingen sie genauso überzeugend wie „Get back“ von den Beatles. Sowohl das Zusammenspiel als auch die Soli lassen - zur Freude des Publikums - kaum Wünsche offen. Wenn die Niederländer es schaffen, sich von ihren Idolen zu emanzipieren und ihr eigenes Profil zu schärfen, wird ihre Karriere Fahrt aufnehmen. Ansätze sind vorhanden: „Eddie gets all the girls“, moniert van Kessel in einer Eigenkomposition. Der Text stellt Pianist Edgar van Asselt als Gigolo vor. Hier fühlt der Zuhörer sich nah dran - an den „Young Sinatras“ statt an Sinatra.

Frank Zimmermann

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