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Schlesien baut Brücken in Europa - 20 Jahre nach Fall des Eisernen Vorhangs

unserem Redaktionsmitglied Johannes Loy

Zülz/Biala - Manchmal muss erst ein Hochwasser kommen, um die Erinnerung an Regionen neu ins Bewusstsein zu spülen. Die Weichsel überflutete dieser Tage Teile von Krakau und Warschau, die Oder versetzte Oppeln und Breslau in Angst und Schrecken. Breslau? Politisch überkorrekte Zeitgenossen vermieden es über Jahrzehnte ängstlich, den deutschen Stadtnamen Breslau in den Mund zu nehmen, brachen sich lieber mit „Wroclaw“ die Zunge ab.

Dabei sagen wir ja auch Warschau und nicht Warszawa. In Westfalen und im Münsterland ist Schlesien nicht vergessen. Tausende Schlesier strandeten hier nach Krieg und Vertreibung. Viele hielten die Verbindung nach Hause, obwohl ihnen die Heimat mit der Zeit fremd wurde.

Wir sind in diesem Frühjahr auf dem Weg nach Schlesien, in ein „zehnfach interessantes Land“, wie schon Johann Wolfgang von Goethe schwärmte. „Ihr müsst mal die neue Autobahn ausprobieren“, so lautet der Vorschlag von Verwandten. Also diesmal nicht über die „Polen-Rennstrecke A 2“ und an Berlin vorbei, sondern mal direkt durch das grüne Herz Deutschlands. Von der 44 geht es bei Kassel auf die 7 Richtung Göttingen und nach ein paar Kilometern dann rechts ab auf die neue Autobahn 38, die nach Leipzig führt.

Saftiges Grün, gelbe Rapsfelder, sanfte Hügel und Kultur am laufenden Kilometer! An der früheren Zonengrenze weist ein Denkmal auf das Lager Friedland hin, auch „Tor zur Freiheit“ genannt. Noch vor gut 20 Jahren war der Eiserne Vorhang geschlossen, kamen hier Tag für Tag Spätaussiedler aus Russland oder Polen an. Immer dann, wenn die Großwetterlage es zuvor erlaubte, verließen zum Beispiel Schlesier ihre Heimat.

Heute fahren sie, längst mit doppelter Staatsangehörigkeit und zwei Pässen ausgestattet, sonntagabends zur Arbeit in die Gärtnereien nach Holland, in hessische Baufirmen oder als Pflegekraft in westfälische Familien. Es geht hin und her, trotz der Entfernung von rund 900 bis 1000 Kilometern.

Freitagabends lockt die Heimat, sonntagabends geht es wieder in die Fremde zum Geldverdienen. Mit Bussen oder mit dem Privat-Pkw in Fahrgemeinschaften. Zu Hause wartet das Dorf, die schlesische Heimat, von der man sich nicht trennen will. Verständlich, denn Schlesien ist landschaftlich reizvoll, der Menschenschlag ist temperamentvoll, bodenständig, fromm und von herzlicher Gastfreundschaft geprägt.

Es geht an Luthers Geburtsstadt Eisleben vorbei. Bei Halle grüßt auf einem Autobahnschild die „Himmelsscheibe von Nebra“, südlich von Leipzig ist das Vielvölkerschlacht-Denkmal am Horizont auszumachen. Über A 14 und A 4 an Dresden vorbei geht es unaufhaltsam der Grenze zu, die keine mehr ist. Früher musste man im Stau stundenlang durch die Gassen von Görlitz schleichen, heute führt die neue Autobahn an der mit wunderschönen Denkmälern gesegneten östlichsten Stadt Deutschlands vorbei.

Keine Grenzer mehr - Schengen lässt grüßen. Wir müssen uns nicht mehr über die alte Landstraße und durch Bunzlau (Boleslawiec) quälen, wo man allerdings durch das verlockende Bunzlauer Porzellan entschädigt wird. Nach einer guten halben Stunde erreicht man die Schnittstelle der alten Breslauer Autobahn. Auf freiem Feld bei Liegnitz grüßt die Kirche von Wahlstatt, die an die historische Mongolenschlacht von 1241 erinnert.

Damals verlor der schlesische Herzog Heinrich der Fromme, Sohn der hl. Hedwig, gegen das Mongolenheer. Doch das Ost-Volk drehte dennoch kurze Zeit später ab, vermutlich, weil der Großkhan gestorben und ein Nachfolger zu wählen war. Damals fiel die Entscheidung zwischen der Nomaden-Kultur des Ostens und der bürgerlich-sesshaften Kultur des Westens. Wären die Mongolen nicht umgekehrt, vielleicht säßen wir heute auf dem Pferderücken und lebten in Zelten.

Schlesiens Felder stehen in diesem Frühjahr unter Wasser. Dauerregen seit Ostern betrübt die Landwirte. Die Zuckerrüben sind verpladdert, die Felder betonhart oder total matschig. Trotz dieser Sorgen feiert Bauer Waldemar in dem kleinen Nest Olbersdorf (Olbrachcice), das zur Gemeinde Zülz/Biala, zum Kreis Neustadt/Prudnik und zum Regierungsbezirk/Wojewodschaft Oppeln/Opole zählt, seinen 50. Geburtstag.

Genauer gesagt feiert er „Abraham“. Im Oppelner Schlesien nennen die Leute so den 50. Geburtstag, der ebenso den Lebenshöhepunkt wie auch den Eintritt ins weise Alter bedeutet. Schon um Mitternacht kommen die Landwirtskollegen aus dem Dorf und lassen den Jubilar hochleben. Hochprozentiges wird geschenkt und geschluckt.

Olbersdorf, Zülz? Jawohl: An den Ortseingängen leuchten seit einigen Monaten ungewohnte Ortsbezeichnungen auf. Die alten deutschen Namen wurden in gleicher Größe und Färbung unter den polnischen Schriftzügen angebracht. Die Gemeinde Biala/Zülz ist dabei noch spät dran, in anderen schlesischen Gegenden ist man damit schon längst durch.

Landwirt Waldemar feiert seinen Geburtstag in einer gemütlichen Kneipe mit Festsaal in Altzülz/Solec. Von mittags bis Mitternacht wird aufgetischt und getanzt, was das Zeug hält. Klöße, Rouladen, Gemüseauswahl, Puddingcremes, Obstplatten; sodann Kaffeetafel mit üppigsten Cremetorten, zum Abend hin Schnittchen und kalte Salate, abends ein weiterer Hauptgang mit Schnitzeln und Braten. Schließlich zum krönenden Abschluss noch mit Kraut gefüllte Kroketten und Rote-Bete-Brühe, Barschtsch genannt. Bier, Cola, Wodka, Eier- und Schokoladenlikör lassen das alles noch besser rutschen.

Der muntere Alleinunterhalter hat mit seinem Keyboard die polnischen und deutschen Schlager und Lieder drauf. „Sto lat“ - „100 Jahre möge der Jubilar leben“, so stimmt es die Festgemeinde an. Zwischen Essen und Tanzen wird auch schon mal das lustige „Zigeunerleben“ besungen oder das gängige „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ angestimmt.

Die Schlesier, die hier munter feiern, sind Nachfahren jener autochthonen Einwohner Schlesiens, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Zweifelsfall unter Zwang für Polen optierten, um Haus, Hof und Heimat für ihre Familien zu sichern. Im Oppelner Schlesien sprach man vielfach auf dem Dorf Schlesisch, einen Dialekt mit polnischen, deutschen und tschechischen Brocken. Also hielt die Volksrepublik Polen diese Bevölkerung für „repatriierbar“.

Mehrer Hunderttausend Schlesier blieben so im Land. Öffentlich Deutsch zu sprechen war verboten, viele Schlesier mussten sich auch von Grund auf neu mit der polnischen Sprache vertraut machen. Über viele Jahrzehnte wurde die Existenz einer deutschen Minderheit in Polen verschwiegen. Die Anhänglichkeit der Schlesier an Deutschland blieb und wurde mit der Wende in Europa neu geweckt.

Der Oppelner Bischof Alfons Nossol, selbst ein Schlesier, führte 1989 wieder die ersten deutschen Gottesdienste in Schlesien ein. „Die Menschen sollen in der Sprache ihres Herzens beten können!“, so begründete er damals seinen Vorstoß. In manchen Gemeinden wurde es zunächst unruhig.

Manche Polen, nach dem Krieg aus Ostpolen nach Schlesien vertrieben und neu angesiedelt, fürchteten Revanchismus. Doch die Aufregung legte sich bald. In die örtlichen Gemeinde- und Stadträte zogen wieder Schlesier als „Angehörige der deutschen Minderheit“ ein, um ihre politischen Interessen zu wahren.

So hat sich auch Zülz vor Jahr und Tag dafür entschieden, neben den polnischen zusätzlich deutsche Ortsschilder einzuführen. Am Rathaus kommt bei den Amtsbezeichnungen in gutem europäischen und grenzübergreifendem Geist auch noch die tschechische Sprache hinzu. Zülz hofft weiter auf europäische Unterstützung. „Ich fühle mich als Europäer“, unterstreicht Krzysztof Glombitza, Verwaltungschef der örtlichen Schulen und Vorsitzender des Deutschen Freundschaftskreises in Zülz.

Die mehrsprachigen Schilder in der Gemeinde will er deshalb auch nicht als Provokation, sondern als Selbstverständlichkeit in einer geografisch, kulturell und sprachlich gemischten Grenzregion verstanden wissen. Über den teilweise auflodernden und mit alten Ängsten begründeten Fanatismus, wie er in den Anfangsjahren seit der Wendezeit zuweilen zwischen schlesisch-deutschen und polnischen Nachbarn aufkeimte, ist mittlerweile die Zeit hinweggegangen.

Aber: Schmierspuren über den deutschen Ortsnamen zeigen an, dass bei Nacht und Nebel doch wieder Übermütige unterwegs sind, um alte historische Spuren auszutilgen. Doch die Gemeinde hat offenbar schon Übung damit, die Schmierage wieder zu entfernen.

Die Menschen in der Gemeinde Zülz haben ein vitales Interesse an multikultureller Bildung und Zusammenarbeit. Wer will, kann schon in der Grundschule einen deutlichen Schwerpunkt auf die deutsche Sprache legen. „Auch viele Polen nehmen dieses Angebot an“, freut sich Glombitza. Der Effekt dieses Lernens ist jedem klar: Wer zweisprachig aufwächst, der kann später auch beruflich woanders, zumal im Westen, sein Glück versuchen.

Das ist notwendig, denn die Region um Zülz ist strukturschwach. So mancher Landwirt grübelt, wie es langfristig weitergehen soll. Reichten zu kommunistischen Zeiten 20 Hektar Land noch gut für das Auskommen, so sind diese Höfe heute nur noch Nebenerwerbsbetriebe. Viele Landwirte müssen zwischendurch in den Westen fahren, um in Fabriken oder handwerklichen Betrieben etwas dazuzuverdienen.

Die Unsicherheit auch im Hinblick auf die nachwachsende Generation stellt viele Familien vor Zerreißproben. Manche Wunden sind tief, denn viele Angehörige der Intelligenzschicht haben Schlesien bei früheren Ausreisewellen für immer verlassen. Es bleibt nun der Landbevölkerung überlassen, Tradition zu wahren. Es ist geradezu rührend, wie die Schlesier bei lokalen Festivitäten mit deutschen Liedern und Gedichten auf ihre kulturelle Identität hindeuten.

Immerhin: Die Grenzen sind offen, die gefühlte Entfernung hat sich halbiert. Als die Kollegen in Münster den Kuchen kosten, der direkt aus Olbersdorf den Weg nach Münster gefunden hat, schmecken sie sozusagen ein gutes Stück schlesischen Kulturguts: Der Mohn- und Quarkkuchen ist einzigartig. „Wo kommt der Kuchen her?“, fragen sie. „Aus Olbersdorf in Schlesien, aus einer kleinen, zauberhaften Konditorei“, lautet die Antwort. Der eine oder andere erzählt dann von Eltern oder Verwanden, die aus dem Osten stammen.

Das sind Geschichten, die Westfalen und Schlesien verbinden. Diese Verbindungen kann man heute wieder aufnehmen - im Wissen um die leidvolle Geschichte der Schlesier und darum, dass die Polen, die jetzt in Schlesien leben, auch Vertriebene sind und ihre Heimat jetzt neu entdecken. In einem Europa, das zurzeit zwar unter Schulden ächzt, das aber seinen Bürgern eine große, grenzenlose und freie Heimat bietet.

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