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Sommerkrimi

Schmu beim Schützenfest

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Es wird ein schwarzer Tag werden für Willi Kopsdibolter. Nur: Das weiß der Präsident des Monasterium-Schützenvereins in Epe noch nicht. Noch ist alles in Butter. Die Sonne lacht vom blauen Himmel, die Schützen haben gute Laune und heute, ja heute will er, Willi Kopsdibolter, sich endlich seinen lang gehegten Wunsch erfüllen: Nicht nur Präsident des Schützenvereins will er sein - nein: Er will endlich selbst einmal die Königskette tragen: Willi Kopsdibolter will Schützenkönig werden. Bejubelt werden wie Jogi Löw und seine Mannen nach einem Sieg. Im Mittelpunkt des Interesses stehen. Sich eine Königin aussuchen. Und in der Königskutsche durch den Kreisverkehr bei Bögener fahren, bis ihm gaaaanz schwindelig ist. Ach, wie lange hat er nicht heimlich davon geträumt...

„Jau, Peter, geht klar, nicht?“, raunt er heimlich dem Schießmeister zu. „Du weißt Bescheid!“ Kopsdibolter will auf Nummer sicher gehen. Wenn er beim Schießen an der Reihe ist, soll ihm Schießmeister Peter Buchen­ecker das besonders grobkörnige Schrot in den Püster laden. Den Raketenwerfer unter der Schützenfestmunition sozusagen. Dagegen hat selbst ein Schützenvogel aus Beton keine Chance. Heute soll nichts, aber auch gar nichts schiefgehen. Kopsdipolter hat Buchenecker für dessen nicht ganz astreine Schützenhilfe Freifahrten mit der Bahn zu jeder Bundes- und Landesgartenschau der nächsten 20 Jahre versprochen. Wenn er will, darf er sogar auf dem Führerstand des ICE mitfahren, wenn die Klimaanlage mal wieder ausfallen sollte. Als Bahn-Manager kann Kopsdibolter so etwas deichseln, und Buchen­ecker freut sich jetzt schon wie ein Gartenzwerg. Wo er doch eine Modelleisenbahn besitzt, deren Schienenstränge sich durch sein ganzes Haus ziehen und auf denen er den gesamten Schienenverkehr zwischen Münster Hauptbahnhof und Epe nachbilden kann (einschließlich Lasterfeld). Und Gartenschauen sind nun mal seine zweite große Leidenschaft.

Während der Wolpertingerhof voller Menschen ist, die Stimmung steigt und das Stimmengewirr immer lauter wird, lacht die Sonne ausnahmsweise auch mal über Gronau. Auch in der dortigen Innenstadt tobt der Bär. Endlich hat mal eine Idee der Gronauer Kultur- und Tourismus-Zentrale (GKTZ) voll eingeschlagen: das 1. Tretroller-Rennen rund um den rundum erneuerten Schuhmacher-Platz. Otto Sohle, seines Zeichens Animateur der GKTZ, moderiert die Veranstaltung für das Publikum vor Ort und die Zuschauer daheim an ihren Geräten, während der Moloch Hertie-Bau dräuende Schatten auf die Szenerie wirft. Die Veranstaltung scheint trotzdem ein riesiger Erfolg zu werden: 64 Tretrollerfahrer haben sich angemeldet, die in einem Wettbewerb „Jeder gegen jeden“ rund um den Rollrasen mitten auf dem Platz jagen sollen.

Gleich beim ersten Start des Tages tritt der Favorit an. Es ist ein Profi: Walter A. Renz aus Epe, Tretroller-Verleiher von Beruf. Er startet gegen den Fahrradverleiher Bullauge aus Gronau. Der Startschuss fällt. Beide Fahrer legen sich gewagt in die Kurven: „Welch eine Dramatik“, kommentiert Sohle live. „Renz hat einen gewaltigen Antritt. Was für eine Geschmeidigkeit! Aber Bullauge kommt, meine Damen und Herren. Ein kraftvoller Auftritt. Das wird ein spannender Ausgang dieses ersten Rennens.“

Bürgermeister Holztisch hat die Faxen dicke. Nicht nur die Faxen. Viel schlimmer ist sein Knie. Das ist nämlich dick angeschwollen. Vom Radfahren. Dabei war es seine eigene Idee gewesen, die CDU-Fraktion zu einer Radtour einzuladen. Und jetzt das. Tja. „Man müsste noch mal 50 sein“, denkt der Erste Bürger der Stadt, während er mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Pedale tritt. Neben sich Ratsfrau Ilona Pogo-Pelski, die munter mit ihm Schritt hält und Konversation betreiben will. „Weißt du, Kalleinz“, flötet sie, „diese neuen Elektro-Räder sind wirklich ne Wucht. Man braucht nur ein ganz klein bisschen zu treten, und wenn du nicht schnell genug bist, drückst du einfach auf den roten Knopf hier, und der Motor schaltet sich ein.“ Holztisch würde jetzt einiges für einen Knopf geben. Einen, der den Wortschwall Pogo-Pelskis abschaltet. Aber die plappert munter weiter. „Aber am allerbesten ist natürlich immer noch Autofahren. Ich meine, sonst würde ja unsere Fahrschule nicht mehr laufen, wenn es die Autofahrer nicht gäbe. Obwohl: Vielleicht kann man ja auch Führerscheine für Elektro-Fahrräder einführen? Wie wärs, Kalleinz? Du hast doch gute Kontakte zu unserm Bundes-Fuzzi Spohn. Der könnte doch vielleicht mal eine Gesetzesinitiative in den Bundestag einbringen für solche Führerscheine. Sprich ihn doch mal an! Sag mal, wo ist überhaupt Willi Kopsdibolter? Ach, der hat Schützenfest? Hätten wir dann die Radtour nicht auf einen anderen Termin legen sollen? Wo Willi doch so mit unserer Fraktion verwurzelt ist. Apropos Wurzel... “

Während sich das einseitige Gespräch fortspinnt, schweigen sich Bert-Bodo Blösing und Manfred Frühling, die beiden Kommissare der Gronauer Polizeiwache, an. Ja, auch sie sind zu der Radtour eingeladen worden. Auch wenn sie keine Ratsherren mehr sind, sondern nur noch beratende Mitglieder in einigen Fachausschüssen. Oh, war das hart gewesen an jenem Wahlabend im vergangenen August: Nicht nur, dass die Christdemokraten nach 15 fetten Jahren ihre Mehrheit im Rat verloren hatten. Nein, damit nicht genug: Sowohl Frühling als auch Blösing hatten ihre sicher geglaubten Direktmandate vergeigt. Gegen son Juso-Wichtken, noch völlig feucht hinter den Ohren. Eine grüne Rote! Und gegen einen Alt-Sozi, diesen Zausel Willi Rotbär. Diese Schmach! Und als ob das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, hatte der Gronauer Anzeiger am Tag darauf mit fetten Lettern die Schlagzeile „Nach der Ratswahl: Gronau wird sicherer“ getitelt. Und im Text hatte es geheißen: „Die Kommissare Frühling und Blösing stehen nach ihrem Rausschmiss aus dem Rat dem Polizeidienst endlich wieder voll zur Verfügung“. Ha! Als ob sie nicht jeden der verzwickten Fälle gelöst hätten in den vergangenen Jahren. Kein Gewaltverbrecher war ihnen durch die Lappen gegangen. Nee, nee, diese Häme hatten sie nicht verdient.

Und jetzt, so ohne richtige politische Beschäftigung, fühlen die beiden sich nur als halbe Menschen. Besonders Frühling fehlt der politische Stress. Er hat sogar etwas Bauch angesetzt. Während Blösing die fehlende Ratsarbeit mit verbissenem Training für das nächste Autorennen auf dem Nürburgring kompensiert.

Irgendwie fühlen sich die beiden Kommissare an diesem Tag, in dieser Runde deplatziert. Zumal gerade mal die Hälfte der Fraktion überhaupt erschienen ist. Dabei soll die Tour doch der Motivation aller dienen. „Aber wie“, fragt sich nicht nur Josef Pfeifer, „wie soll man die Truppe motivieren, wenn einem jeglicher Gestaltungsspielraum fehlt? Kein Stadtwerke-Aufsichtsratschef mehr“, stöhnt er. „Kein neuer Leuchtturm, den man ins rechte Licht rücken könnte“, seufzt er seinem Tour-Nachbarn Heiner Mulders zu. Nein, die neue Mehrheit im Rat, dieses kunterbunte Bündnis linker Fantasten und Paragrafenreiter, hat allen rechtschaffenen Christdemokraten die Freude an der Politik schwer vergällt. Weder der Fahrtwind noch die frische Sommerluft oder der Sonnenschein lassen Stimmung aufkommen bei den tapferen Pedalrittern, als sie sich, nachdem sie sich einen Weg durch die Bülten gebahnt haben, in Richtung Ortskern begeben. Kaffee solls da geben. Und der Bürgermeister will eine Rede halten. Dass es dazu nicht mehr kommen wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand . . .

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