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Mit Pferdehängern zum Insolvenzverkauf

Schnäppchenjäger stehen bei „Corona“ Schlange

Ahlen

Der Insolvenzverkauf bei Corona läuft – und hat nicht nur vor der Kasse zu Schlangen geführt. Weil auch der Verkehr am Dienstagmorgen vor den Werkstoren des ehemaligen Polstermöbelherstellers stockte, schritt die Polizei ein.

wn

Kratzer auf der Tischplatte? Na und. „Die liefern wir kostenlos mit.“ Albert Arenz ist nicht der Mann fürs Feilschen. Im kleinen Kabuff der großen Produktionshalle zündet er schon am frühen Morgen sein Feuerwerk flotter Sprüche. Die Kunden lachen, zahlen dann doch, was der Abwickler verlangt – und stehen plötzlich mit kompletten Couchgarnituren vor Tür. Und nun? An der Gersteinstraße geht die Bescherung am Tag nach Weihnachten in die Verlängerung. „Corona“ meldet sich mit dem ISV zurück. Dem Insolvenz-Schluss-Verkauf.

Ja, sogar die Polizei ist zum Start zur Stelle, weil draußen fast gar nichts mehr geht. Mit Pferdehänger, Lieferwagen und Vans stehen sich Schnäppchenjäger vor den Werkstoren gegenseitig im Weg.

Drinnen geht‘s derweil immer schön geordnet den Pfeilen nach durchs Haus. Hier mal Probe sitzen, da mal die Beine strecken, mit dem Allerwertesten leicht durchfedern oder einfach mal den Schlummersimulanten spielen. Zafer Tasci will eigentlich einen Fernsehsessel, steigt dann aber mit gebrauchter Palme in seinen Kombi. „Die wollten 900 Euro für den Sessel haben.“ „Zuviel“ – obwohl die Qualität stimme. Nein, für den Moment bringt die ausgroße Büropflanze für einen schlappen Fünfer schneller Glücksgefühle.

Christa Vorlicek meldet kurz nach „Zehn“ Vollzug und lässt sich eine komplette Garnitur vor die Fabriktür setzen. Draußen wartet bereits der Lieferwagen, in ihrer Wohnung ist längst Platz für den schwarzen Dreier. Keine Frage: Heute sollte es so sein. Sofa und Sessel für 1600 Euro – das passt. Für ihre letzte Garnitur habe sie zu D-Mark-Zeiten 5000 bezahlt, erinnert sie sich. Ja, das sei ein Schnäppchen.

Andere greifen zu Eimern, packen sich Gläser und Geschirr ein, Kunstblumen, Dippschälchen oder orientalische Kerzenhalter. Eine Dame wundert sich – und lacht : „Was die hier nicht alles hergestellt haben.“

Oben im Bürotrakt versinken Heimwerker in Schränken oder drehen auf durchgesessenen Schreibtischstühlen ihre Runden. Andere inspizieren Küchen, Computer oder Kaffeemaschinen, an denen der letzte Prütt noch klebt.

Beraterin Sylvia Wildbrett lacht synchron. Passend zu ihrem Smily, den sie nach einer Stunde ISV per Ausdruck an den sechsten Aussteller hängt, kleben auch ihre fünf Kollegen, was Bezüge halten, um Kundenwünsche zu reservieren.

Wer kaufen will, kommt an Abwickler Albert Arenz nicht vorbei. Im kleinen Kabuff bittet er zur Kasse. Zu ärgerlich, dass die EC-Leitung nicht steht. Viele, die mit Verstärkung gekommen sind und per Karte zahlen wollen, improvisieren. Die einen wachen am Objekt, die anderen eilen zum nächsten Bankautomaten und legen dann die Scheine bar auf den Tisch. Nachlass? Skonto? Nichts da. Wohl aber Sprüche, die sitzen und den professionellen Abwickler hinter dem Tisch outen.

„Traurig, traurig.“ Zwei Ehemalige aus der „Corona“-Entwicklungsabteilung haben sich am Morgen unter die Sofajäger gemischt – und schauen mit an, mit welcher Begeisterung „ausgeplündert“ wird. Drei Jahre lang habe man sich auf Kurzarbeit eingelassen. Auf Verzicht, in der Hoffnung, dass es irgendwann wieder aufwärts gehe. „Corona“ sei ihr Zuhause gewesen. „Das hier tut jetzt weh“, sagt einer von beiden – und fühlt sich plötzlich fremd in einer Umgebung, in der nicht mehr alles „Corona“ sei, was da in diesen Stunden zur Tür herausgerollt werde.

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