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Schnell, praktisch und individuell: Spitznamen und ihre Geschichten

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<1>Hey Honeybunny, Fleisch hat gerade angerufen, heute ist Party bei Psycho!“ – Irgendetwas verpasst? Nein, das sind ganz gewöhnliche Spitznamen. Tatsächlich werden die wenigsten mit ihrem Geburtsnamen gerufen. Freunde und Kollegen haben sich häufig etwas viel Passenderes ausgedacht. Während die Kosenamen für den Liebsten gerne hinter verschlossenen Türen bleiben (wer möchte schon, dass Liebgemeintes wie Gürkchen oder Stinkebär nach außen dringt?), sind Spitznamen eine weniger intime Angelegenheit.

Sie sind ein natürliches Cliquengewächs: Sie werden laut gegrölt, in Handy-Telefonbücher getippt und manchmal sogar von Lehrern übernommen. Niedlich verkleinert, gemein gespottet oder einfach eine Variation auf den Nachnamen – Cliquen beweisen oft grenzenlose Kreativität bei der Namensfindung. Vor allem Männer jeder Altersklasse haben es sich zu eigen gemacht, einander beständig mit dem Nachnamen anzureden: „Ey, Meier! Yo Brinkmann“, heißt es dann. „Mädchen reagieren da eher mit ,i‘. Aus Ricarda wird Ricci und so weiter“, hat Felipe Galarza-Leusch (17) alias Flippa beobachtet.

<2>Darüber hinaus gilt: je kreativer, desto besser. Titti, Psycho, Hektik, Billig, Schnasen und Schaf – eine kleine Kostprobe der Namen in der Clique von Sabrina Terfehr (25), Kerstin Speller (24) und Frank Tietmeyer (26). Schon seit Schulzeiten ist ihre Clique ein echtes Spitznamen-Phänomen.

Aber warum machen wir das eigentlich? Frank verrät: „Es gibt Leute, die das anziehen“. Weil sie ständig zu Anekdoten beitragen oder sich so schön aufregen können. Und so gehen die Namen Teb Teb, Brati, Zucker oder Hektik alle auf das Konto eines Kollegen aus ihrer Runde.

<3>Vor allem Jungs zeigen großes Durchhaltevermögen in Sachen Namens-Innovation. „Spitznamen müssen routiniert durchgezogen werden“, ergänzt Frank. Sonst klappt es nicht. Deshalb sind Vereine, Cliquen, Schulen, Urlaubtrips die beste Brutstätte. „Vielleicht ist das auch ganz typisch für Landkinder, da kommen wir schließlich her. Oder es liegt daran, dass wir seit Schulzeiten immer zusammen in Zeltlagern waren“, vermutet Kerstin und liefert gleich eine weitere allgemeine Erklärung: Spitznamen sind Folge vom Lagerkoller – etwas durchzudrehen muss erlaubt sein. Der intensive Erfindergeist hat jedoch Nebenwirkungen für Uneingeweihte. „Meine neue Mitbewohnerin in Münster dachte fast ein Jahr, Teb Teb und Brati wären zwei Personen“, so Sabrina.

<4>Ein anderer Grund für unsere Liebe zu Spitznamen ist eher pragmatischer Natur: Er hilft zu unterscheiden. Fünf Sebastians, drei mal Philipp – da blickt keiner mehr durch. So kam auch Martin Buhrmester (19) zu seinem Zweitnamen. Als es in der Handballmannschaft zwei Martins gab, sorgte der Trainer für Abhilfe, in dem er am Nachnamen schraubte: jetzt heißt Martin Bubu. Der Unterscheidungseffekt leidet allerdings, seit aus dem anderen Martin „Bobo“ wurde.

Apropos Sportler. Sie sind eine Spitznamen-Liga für sich – wie Schumi, Jogi und Poldi beweisen. Im Sport-Verein wächst und gedeiht es ganz hervorragend, auch aus einem weiteren Grund: Abkürzen ist schnell und praktisch. Wer viel gemeinsam übers Feld rennt, wird nicht rufen: „Jörn-Peter, ich steh frei“. Schneller geht’s mit: „Jöppeeee!“.

Bastian Schweinsteiger übrigens identifiziert sich mittlerweile sehr gut mit Schweini. Schließlich verhinderte er kürzlich, dass eine Bratwurst so benannt wurde und eröffnete lieber einen eigenen Schweini-Fan-Shop.

Beinamen mögen die Menschen übrigens schon immer. Schon vor über 2000 Jahren waren Namen wie „Alexander der Große“ eindeutiges Identifikationsmerkmal und eine echte Ruhmesplakette. Ähnliches gibt es heute: Wer etwas in New Yorker Gangs oder der italienischen Mafia auf sich hält, heißt nicht einfach Michael, sondern viel eher „The Snake“.

„Warum heißt Psycho noch mal Psycho?“, Sabrina Terfehr rätselt. Manchmal verschwinden die Geschichten dahinter und man verschmilzt komplett mit dem Spitznamen. Nur weil Kai früher so oft betonte, wie billig etwas sei, heißt Kai jetzt „Billig“. Und Dirk wird zu Susi, auch ohne sich besonders verändert zu haben.

Spitznamen sind auch ein Stück emotionale Geschichte: „Weißt du noch, als du damals . . .“ Sie erzählen kleine Anekdoten. Die gehören zu einem Ereignis, dem letzten Urlaub oder der Schulzeit. In dieser Zeit entwickeln sie sich am schnellsten und da gehören sie wahrscheinlich hin. Christina Dahm (27) ist heute nur Christina. Früher hieß sie Chrissi: „Der Name ist allen vorbehalten, die mich noch aus Schulzeiten kennen. Da ist es schön, wenn ich so angesprochen werde. Aber eben nur bei den Leuten von früher.“

Es gibt Spitznamen, die mag man. Andere à la Dumbo oder Wetterhexe möchte man sofort loswerden. Lieber gar keine Verniedlichungen wünscht sich manch cooler Typ. Manchmal passt es einfach nicht. Schließlich fühlt man sich doch etwas komisch, jemanden zu küssen, der Tönne heißt und wechselt lieber zum Vornamen, selbst wenn der Thorsten ist. Aus anderen Namen wächst man schlichtweg heraus. Aus Schaf wird wieder Daniela. „Das passt nicht mehr in die Zeit und zum Erwachsensein“, sagt Sabrina.

Elena Buller (16) aus Münster und Marlin Binossek (15) aus Telgte sind bis jetzt spitznamenresistent. Aber auch bei ihnen blitzen sie hin und wieder durch. Einfach so. Zum Zeitvertreib oder zur Abwechslung steht dann dort in der SMS: „Hallo Pupsi, Mausi, Süße, Wurmi“. Und damit zu den letzten Gründen, warum wir uns immer etwas Neues ausdenken: Hand aufs Herz. Manchmal darf man einfach albern sein. In der richtigen Dosierung ist das witzig. „Es ja auch ganz süß, mal Lenchen genannt zu werden“, sagt Elena.

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