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Schnulzensänger auf schwebenden Liebespfaden

Hans Gerhold

Das französische Kino hat in letzter Zeit keine wirklich überzeugenden Filme geliefert. Dieser hier, in Cannes 2006 vom Publikum bejubelt, kann da einiges wettmachen. Gérard Depardieu in Person, Naturgewalt und Ein-Mann-Industrie des heimischen Kinos (150 Filme), spielt einen alternden Chansonsänger, der durch die Provinz tingelt und sein Publikum in Ballhäusern, beim Tanztee und notfalls im Altersheim mit jenen Liedern zu Träumen und Tränen verführt, die als Schnulzen verspottet werden, an deren Sehnsuchtspotenzial und legitimer Trostfunktion kein Zweifel besteht.

Alain Moreau jedenfalls ist Lokalmatador in Sachen Ball der einsamen Herzen und Bars und bringt zu Beginn, wenn er „Pour un flirt – Für einen Flirt mit dir würde ich alles tun“ anstimmt, die Immobilienmaklerin Marion (Cécile de France) raffiniert routiniert ins Bett. In einer köstlichen Szene am Morgen danach stiehlt sich Marion, peinlich berührt, dass sie dem alten Charmeur auf den Leim ging, davon.

Alain, der sich trotz öffentlicher Aufmerksamkeit einsam fühlt, will mehr von der unnahbar wirkenden Frau, die jede Annäherung wortlos mit wenigen Blicken zertrümmern kann. Um ihr nahe zu bleiben, beauftragt er sie, ihr ein Haus oder eine Wohnung zu vermitteln, die ihm – klar – jedes Mal nicht wirklich gefallen.

Auf den wunderbar leicht inszenierten Fahrten und Besichtigungen (für Frankreich-Freunde sehenswert) entdecken die allein erziehende Mutter und der Schnulzensänger ihre Gefühle. Depardieu, der immer schon grandios sensible Klötze spielen konnte, ist eine Wucht als schwerfälliger herzensguter Chansonnier, der gerade heraus seine Meinung sagt – und selbst gekonnt singt (etwa „Save the Last Dance for Me“ und „Una lacrima sul viso“). Cécile de France (Jackie Chans „In 80 Tagen um die Welt“, „L‘auberge espangnole“) steht dem mit der spannenden Ausstrahlung einer Frau, die nichts von sich preisgeben will, nicht nach. Echtes Kino für Erwachsene und schön gesungen. |Movie

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