1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Schulkonsens: "Ergebnis kann sich sehr gut sehen lassen"

  6. >

Interview mit NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann

Schulkonsens: "Ergebnis kann sich sehr gut sehen lassen"

wn

Düsseldorf - Sie ist glücklich. Nach einer jahrzehntelang hitzig geführten Schuldebatte gibt es erstmals einen Schulfrieden in NRW. Welche Herausforderungen damit verbunden sind, erläutert Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) im Gespräch mit unserem Korrespondenten Hilmar Riemenschneider. Die Vize-Ministerpräsidentin blickt auch auf Rot-Grün ein Jahr nach Amtsantritt. Frau Löhrmann, bei der Vorstellung des Schulkonsens war so oft die Rede vom Krötenschlucken. Sitzt Ihnen noch eine quer? Löhrmann: Mir sitzt überhaupt keine Kröte quer. Es ist uns gelungen, gemeinsam mit der größten Oppositionspartei das Schulsystem zukunftsfest zu machen. Wir haben die unterschiedlichen Vorstellungen der CDU wie auch von SPD und Grünen zusammengebracht. Ich finde, das Ergebnis kann sich sehr gut sehen lassen. Wir verankern mit der CDU in der Sekundarschule das längere gemeinsame Lernen in den Klassen 5 und 6. Die CDU wertet das Ergebnis als ihren Erfolg, es sei sehr nahe an den Parteipositionen. Die Koalition sagt, da stecke 95 Prozent Rot-Grün drin: Was stimmt denn nun? Löhrmann: Vielleicht lagen die schulpolitischen Vorstellungen näher beieinander, als es den Anschein hatte. Der Verzicht auf die eigene gymnasiale Oberstufe in der Sekundarschule steht in der öffentlichen Wahrnehmung sehr im Vordergrund. Viel wichtiger ist aber, dass in der Sekundarschule auch die gymnasialen Standards enthalten sind für die Kinder, die das Abitur anstreben. Deshalb ist der Kompromiss in Ordnung. Dies umso mehr, weil die Neugründung von Gesamtschulen erleichtert wird. Dort, wo es den Bedarf für eine größere Schule einschließlich einer gymnasialen Oberstufe gibt, reichen jetzt 100 Kinder pro Jahrgang für die Gründung einer Gesamtschule. Was hat es mit dem Versuch eines gemeinsamen Lernens von der ersten bis zur zehnten Klasse auf sich? Löhrmann: Diese Wünsche sind aus den Kommunen an uns heran getragen worden. Dazu gehört die Wartburg-Grundschule in Münster, die ja mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden ist. Dort sind Lehrer, Eltern und Kinder so zufrieden, dass sie am liebsten keinen Bruch zur Sekundarstufe 1 haben wollen. Das können wir an bis zu 15 Standorten mit Verbünden über die Grundschule hinaus erproben. Dem Schulkonsens haben Rot-Grün und CDU einen Pilotcharakter für andere Bundesländer zugeschrieben. Ist das ein Tor zu einer zentralen Schulpolitik? Löhrmann: Das Besondere an diesem Schulkonsens ist, dass es im größten Flächenland in einer politisch nicht ganz einfachen Situation gelungen ist, mit der CDU zusammenzukommen. Zumal sich in Sachen Schulpolitik SPD und CDU in den letzten 50 Jahren nichts geschenkt haben. Aus dem Schulkonsens leitet sich aber keine Bundes-Schulpolitik ab, da soll der Bund inhaltlich nicht reinreden. Ich werbe aber sehr dafür, dass endlich das Kooperationsverbot rückgängig gemacht wird: Der Bund sollte und müsste sich an Investitionen im Bildungsbereich beteiligen – beispielsweise beim Thema Inklusion oder beim Ganztagsausbau. Wir brauchen eine gesamtstaatliche Verantwortung von Bund, Ländern und Gemeinden. Welche Themen sehen Sie für die angekündigte inhaltliche Schuldebatte? Löhrmann: Wir müssen den Begriff der individuellen Förderung mit Leben füllen und systematisch in die Schul- und Unterrichtspraxis bringen. Das gilt erst recht für das Thema Inklusion. Auf die größere Heterogenität und Vielfalt in den Klassenzimmern und Lerngruppen müssen wir unsere Lehrkräfte gründlich vorbereiten. Das geht nicht mit dem Jeannie-Effekt, einmal Arme verschränken und zwinkern, sondern es muss passgenaue Fortbildung geben. Das ist ein völlig anderes Lernverständnis als das, was ich zum Beispiel in meiner Ausbildung erlebt habe. Sind FDP und Linke in der Schuldebatte im Abseits? Löhrmann: Ja. Die FDP diskutiert ja sogar, wie sie sich außerhalb des Spielfelds aufstellen soll. Vor dem Schulkonsens hat das Abstimmungsfiasko um die WestLB-Zukunft das Klima im Landtag mächtig belastet: Wie ernst war diese Situation für Rot-Grün? Löhrmann: Die Situation war zuallererst ernst für die WestLB. Auslöser der Situation war ja, dass die CDU ihre staatspolitische Verantwortung nicht wahrgenommen hat. Das war das eigentliche Fiasko an diesem Tag. Aber es hat ja auch Erschütterungen innerhalb der Koalition gegeben – oder? Löhrmann: Es war eine schwierige Situation. Uns Grünen war aber sofort klar: Das muss zunächst in der Sache, sprich für die WestLB, geheilt werden. Das stand im Vordergrund und nicht die Frage, wer was verschuldet hat. Die Fraktionsvorstände von SPD und Grünen haben daraus die Konsequenzen gezogen und werden auch solche Verfahrensfragen wie das Pairing künftig gemeinsam klären. Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit Ihrem Koalitionspartner? Löhrmann (lacht): Ich bin sehr zufrieden. Es ist doch erstaunlich, dass wir nach einem Jahr in so vielen Bereichen Entwicklungen angestoßen haben. Das haben wir gemeinsam gemacht. Gerade diese Koalition als Minderheitsregierung lebt davon, dass wir gut miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Und wie zufrieden sind Sie mit der Opposition, die Ihnen schließlich oft helfen muss? Löhrmann: Das Konzept, mit unterschiedlichen Mehrheiten zu arbeiten, ist aufgegangen, gerade in meinem Bereich. In drei zentralen Schulthemen gehen wir gemeinsam mit der CDU vor, das gilt für die Inklusion, den islamischen Religionsunterricht und nun für die Grundstruktur des Schulsystems. Das zeigt, dass eine Minderheitsregierung funktionieren kann – nämlich dann, wenn die Opposition sich konstruktiv daran beteiligt, die Zukunft des Landes zu gestalten. Wie wollen Sie dann verhindern, dass mit dem Haushalt 2012 gleich die nächste Neuwahldebatte losbricht? Löhrmann: Man kann immer nur das verhindern, was man selbst in der Hand hat. Wir werden einen Haushalt aufstellen, der in die wichtigen Zukunftsfelder Bildung, Klima und Kommunen investiert und finanzpolitisch verantwortbar ist. Haben Sie angesichts der guten Umfragewerte der Grünen und der Wahlergebnisse das Gefühl, dass Sie in der Koalition unter Ihren Möglichkeiten arbeiten? Löhrmann: Nein, überhaupt nicht. Wir arbeiten und gestalten in dieser Koalition auf Augenhöhe und konnten bisher alles, was uns wichtig ist, umsetzen, und das soll auch so bleiben.

Startseite